
Das Ende des Alpenrabatts: Warum italienische Grenzgänger die Schweiz meiden
Ein revidiertes Steuerabkommen und die wirtschaftliche Anziehungskraft Mailands zwingen Schweizer Arbeitgeber, sich einer harten Marktrealität zu stellen.

Jahrzehntelang basierte das Schweizer Wirtschaftsmodell in den Grenzregionen auf einer bequemen Vereinbarung: Die wohlhabende, Nicht-EU-Alpenation stellte die Arbeitsplätze zur Verfügung, und Norditalien lieferte die willigen Hände. Es war eine Transaktion, die aus geografischer Nähe und einem erheblichen Lohngefälle entstand. Doch die Maschinerie stottert. Das neue Steuerabkommen zwischen Bern und Rom hat die finanzielle Kalkulation für italienische Grenzgänger verändert und lässt Arbeitgeber im Kanton Graubünden mit einem ungewohnten Phänomen kämpfen: Italiener, die es vorziehen, in Italien zu arbeiten.
Die Zahlen des ersten Quartals 2026 zeigen eine deutliche Stagnation. Graubünden beherbergt derzeit rund 10.200 Grenzgänger, von denen neun von zehn aus Italien stammen. Das Wachstum ist jedoch praktisch zum Stillstand gekommen, wobei der Kanton in den letzten zwei Jahren lediglich 200 zusätzliche Grenzgängerbewilligungen registrierte. Diese starke Verlangsamung folgt auf zwei Jahrzehnte stetiger Expansion. Der überarbeitete Steuerrahmen zwischen den beiden Nationen hat den finanziellen Vorteil einer Alpenpendlerreise geschmälert und eine naive Schweizer Annahme entlarvt, dass ausländische Arbeitskräfte ewig im Überfluss vorhanden sein würden.
Der Wandel wird im Energiesektor anschaulich illustriert. Dario Castagnoli, ein Manager des in Poschiavo ansässigen Energieunternehmens Repower, berichtete von einer beispiellosen Absage. Ein Kandidat aus dem italienischen Veltlin lehnte kürzlich ein Stellenangebot ab und verwies auf eine bessere Vergütung für eine vergleichbare Position in Mailand. Italien mag mit veralteter staatlicher Infrastruktur und einer stagnierenden südlichen Wirtschaft zu kämpfen haben, aber sein nördliches Industriezentrum bleibt hoch wettbewerbsfähig. Das Steuerabkommen hat den Nettovorteil, der einst Talente über die Grenze lockte, aggressiv verringert.
Verschiedene Sektoren überstehen den Schock mit unterschiedlichem Erfolg. Im Baugewerbe zieht das wohlhabende Engadin immer noch Arbeitskräfte an, da die Grundlöhne deutlich höher bleiben als in anderen Bereichen. Maurizio Pirola vom Bündner Baumeisterverband stellt jedoch einen beunruhigenden Rückgang neuer Bewerbungen fest. Die wahre Krise wird sich in einigen Jahren materialisieren, wenn die aktuelle Generation von Grenzgänger-Veteranen in den Ruhestand geht und der Nachwuchs versiegt.
Gesundheitswesen und Tourismus stehen vor eigenen geografischen und bürokratischen Hürden. Maurizio Michael, Leiter des Gesundheitszentrums Bergell, stellt fest, dass das medizinische Lohngefälle die Pendelfahrt immer noch rechtfertigt, sofern die physische Distanz kurz bleibt. Im Gastgewerbe beklagt Claudio Dietrich vom Hotel Waldhaus in Sils Maria den bürokratischen Nebel. Das neue Steuerregime hat eine tiefe Unsicherheit hinsichtlich des tatsächlichen Nettogehalts geschaffen, den potenzielle Mitarbeiter erwarten können, was Vertragsverhandlungen erschwert.
Marcus Caduff, Direktor des kantonalen Wirtschaftsdepartements, identifiziert den Tourismus als hochgradig anfällig. Wenn das Lohngefälle schrumpft, wird die Aussicht auf einen täglichen zweistündigen Arbeitsweg für ausländische Arbeitskräfte absurd. Die Lösung wird vollständig von den Marktkräften diktiert. Wie Castagnoli betont, haben Arbeitgeber keine andere Wahl, als die Gehälter zu erhöhen, wenn bestimmte Stellenprofile nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Die Zeiten, in denen man sich auf eine günstige Steuerlücke verlassen konnte, um den Schweizer Personalbedarf zu subventionieren, sind vorbei.
Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com
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