
Das Öko-Label für die knochige Realität
Ein neues Gütesiegel soll den schwindenden Schweizer Wildfang retten, indem es Esser dazu bringt, Wels statt importierten Lachs zu wählen.

Das idyllische Schweizer Bild eines Fischers, der frische Egli aus einem glasklaren Alpensee zieht, ist eine tröstliche Illusion. In Wahrheit macht der lokale Wildfang mikroskopische ein bis drei Prozent des im ganzen Land konsumierten Fisches aus. Der restliche Grossteil kommt bequem gefroren oder aus dem Ausland gezüchtet an. In dem Bestreben, ihr Territorium gegen die Flut ausländischer Importe und industrieller Aquakultur zu behaupten, haben die kommerziellen Fischereiverbände des Landes eine neue Marke vorgestellt: «Schweizer Wildfisch».
Entwickelt von der Plattform Seen-Fischerei zusammen mit regionalen Fachverbänden, verspricht das Siegel eine bescheidene Garantie: Der Fisch stammt aus einem Schweizer See und wurde von einem lizenzierten lokalen Berufsfischer an Bord geholt. Doch wer hofft, dieses patriotische Emblem in den Kühlregalen grosser Supermarktketten zu finden, wird enttäuscht sein. Reto Leuch, Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbands, stellte klar, dass die administrativen Hürden und Kontrollanforderungen grosser Handelskanäle für Kleinbetriebe schlichtweg zu aufwendig sind. Stattdessen wird das Logo an wöchentlichen Marktständen und direkt am Hafen erscheinen.
Schliesslich sollen teilnehmende Restaurants bestimmte Gerichte mit dem Siegel hervorheben, obwohl niemand erwartet, dass heimische Seen die Massen ernähren. Das Angebot ist einfach nicht vorhanden. Was die Verbände wirklich erreichen wollen, ist eine Bewusstseinsänderung bei den Konsumenten – und die Bereitschaft, Premiumpreise für eine knappe lokale Ware zu zahlen.
Dieses Bestreben stösst jedoch auf eine strukturelle Hürde, die über die Wirtschaftlichkeit hinausgeht: Geschmack und Anatomie. Da der Klimawandel die Schweizer Gewässer stetig erwärmt, ziehen sich traditionelle kulinarische Favoriten wie Egli und Felchen in kühlere, tiefere Regionen zurück. An ihre Stelle treten in grösserer Zahl Arten wie Karpfen, Wels und Rotauge. Die Branche steht vor der unbequemen Aufgabe, knochige, historisch verachtete Seebewohner einem verwöhnten Publikum schmackhaft zu machen, das an makellose, grätenfreie Filets gewöhnt ist.
Ob Schweizer Esser, die an den vorhersehbaren Luxus von importiertem Lachs und Kabeljau gewöhnt sind, knochigen lokalen Wels aus regionaler Solidarität annehmen werden, bleibt eine offene Frage. Bürokratische Siegel können die Herkunft leicht zertifizieren, aber die Marktnachfrage an die ökologische Realität anzupassen, ist ein ganz anderer Fang.
Verfasst von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com
Neueste Nachrichten





