
Die getarnte Invasion: Wie Temu den lokalen Einzelhandel vereinnahmt
Schweizer Käufer und Kleinunternehmen nutzen eine Plattform, die alle rechtlichen und finanziellen Risiken auf ihre eigenen Schultern abwälzt.

Wenn ein chinesisches E-Commerce-Unternehmen Amazon in der wohlhabenden Schweiz überholt, sagt dieser Meilenstein weit weniger über effiziente Logistik aus, als über die stille Kapitulation des lokalen Einzelhandels. Temu, die 2022 gestartete Schnäppchenplattform, hat sich hochgearbeitet und ist zum viertgrößten Online-Händler des Landes aufgestiegen. Nun versucht die Plattform mit ihrer Initiative „Local to Local“, ihre direkte Lieferkette aus Asien mit einem Anschein von nationaler Seriosität zu überziehen.
Um die standardmäßigen Versandverzögerungen von sechs bis zwanzig Tagen zu verkürzen, lädt Temu Schweizer Kleinunternehmen in sein digitales Ökosystem ein, unterstützt durch eine Zusammenarbeit mit dem Schweizer KMU-Verband SKV. Doch die Bedingungen dieser digitalen Vereinbarung sind rücksichtslos asymmetrisch. Händler, die sich auf die Plattform wagen, entdecken schnell, was algorithmische Disziplin wirklich bedeutet.
Daniel Lauper, ein Händler für Haushaltswaren, der sich frühzeitig angemeldet hatte, um neue Käufer zu erreichen, sieht sich ständigem Druck ausgesetzt. Temu verlangt regelmäßig Preissenkungen von bis zu 40 Prozent. Händler, die ablehnen, stellen fest, dass der Algorithmus die Sichtbarkeit ihrer Produkte abrupt verschlechtert. Die Versandregeln sind ebenso unerbittlich und erfordern den Versand innerhalb von ein bis zwei Tagen, andernfalls droht eine Strafe von fünf Franken pro verspätetem Paket.
Neben der Nötigung lokaler Anbieter setzt Temu auf europäische Lagerzentren, die mit chinesischer Ware gefüllt sind. Die Anwendung kennzeichnet diese Artikel mit einem beruhigenden „Lokal“-Tag und verschleiert bewusst den Unterschied zwischen einem tatsächlichen heimischen Händler und einem europäischen Lager mit ausländischem Bestand.
Die Folgen dieses Marken-Spiels fallen vollständig auf den Verbraucher zurück. Bernhard Egger, Geschäftsführer von Handelsverband.swiss, weist darauf hin, dass der Kauf über die Plattform einen direkten Vertrag mit dem zugrunde liegenden Hersteller schafft, nicht mit Temu. Während eine Transaktion mit einem echten Schweizer Händler nationale Rechtssicherheiten und Produkthaftung garantiert, unterliegt ein Kauf bei einem ausländischen Verkäufer – selbst wenn dieser aus einem europäischen Lager versendet – ausländischem Recht. Die Nutzungsbedingungen von Temu schließen jegliche Verantwortung sauber aus, sodass inländische Käufer bei Streitigkeiten ohne rechtliche Rückgriffsmöglichkeiten bleiben. Wenn das Unternehmen mit diesen rechtlichen Schlupflöchern konfrontiert wird, zieht es sich lediglich hinter allgemeine Aussagen über sein Geschäftsmodell zurück.
Die komfortablen Konsumenten der Schweiz scheinen bemerkenswert bereit, diese rechtlichen Realitäten im Austausch für vergünstigte Waren zu übersehen. Nationale Wirtschaftsverbände öffnen naiv die Tore für einen überseeischen Riesen, der systematisch lokale Standards umgeht und Margen von lokalen Verkäufern abzieht. Es ist eine Meisterklasse der Marktbeherrschung: Die Plattform erzielt die Einnahmen, lokale Händler tragen die finanziellen Strafen, und der Kunde erbt das rechtliche Risiko.
Verfasst von Thomas Nussbaumer




