
Das leere Büro von Claudio Zali
Angesichts einer zweiten strafrechtlichen Untersuchung weigert sich der Tessiner Minister Claudio Zali, sofort zurückzutreten, was die Grenzen der kantonalen Macht aufzeigt.

Politische Skandale im Tessin ziehen sich gewöhnlich mit der höflichen Langsamkeit hin, die typisch für die Schweizer Regionalverwaltung ist. Doch der Fall von Claudio Zali hat eine fast theatralische Dynamik angenommen. Angesichts einer ersten Untersuchung wegen angeblichen Amtsmissbrauchs hatte der Politiker der Lega dei Ticinesi bereits einen würdigen Rückzug angeboten, indem er versprach, Ende des Monats zurückzutreten. Dieser Zeitplan wurde über den Haufen geworfen, als die Staatsanwaltschaft eine zweite strafrechtliche Untersuchung wegen angeblichen sexuellen Übergriffen bestätigte, die mehrere Jahre zurückliegen.
Zali bestreitet alle Vorwürfe, doch für seine vier Regierungskollegen erwiesen sich die neuen Anschuldigungen als Bruchpunkt. Nach einer ausserordentlichen Sitzung forderte die Kantonsregierung seinen sofortigen Rücktritt. Zali weigert sich jedoch, seinen Sitz vorzeitig zu räumen. Das Ergebnis ist eine bizarre institutionelle Pattsituation, die die inhärente Starrheit eines Systems offenbart, das auf Vertrauen in die individuelle Ehre aufgebaut ist – ein Vertrauen, das sich oft als naiv erweist, wenn es politischer Sturheit gegenübersteht.
Die Affäre hatte bereits Tage zuvor eine surreale Wendung genommen, als eine Frau im Luganersee ertrank. Sie war eine Bekannte Zalis, die eine umstrittene Telefonaufnahme durchsickern liess, was den Druck auf ihn erhöhte. Obwohl eine Autopsie bestätigte, dass ihr Tod ohne Fremdeinwirkung erfolgte, warf der Vorfall einen düsteren Schatten auf die ohnehin schon chaotische Lage.
Nun verbleiben den übrigen Regierungsmitgliedern nur noch die wenigen rechtlichen Instrumente, die ihnen zur Verfügung stehen. Die Kantonsregierung besitzt nicht die verfassungsmässige Befugnis, einen amtierenden Minister einfach zu entlassen. Nur das Kantonsparlament kann eine Absetzung erzwingen, und selbst dann nur nach einer rechtskräftigen Verurteilung wegen eines mit dem öffentlichen Amt unvereinbaren Verbrechens.
Um diese strukturelle Ohnmacht zu umgehen, plant die Regierung, Zali seine verbleibenden Aufgaben zu entziehen. Nachdem er bereits das Justiz- und Polizeidepartement verloren hat, sollen ihm seine Kollegen auch das Baudepartement entziehen. Zali bliebe somit nur noch dem Namen nach Staatsrat, seiner gesamten Autorität beraubt, in einem leeren Büro sitzend, bis seine selbst auferlegte Frist abläuft. Es ist eine sehr schweizerische Lösung für eine politische Katastrophe: den Verfassungsbuchstaben wahren, während die Macht des Ministers ausgehöhlt wird, in der Hoffnung, dass Diskretion letztendlich siegen wird.
Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com
Neueste Nachrichten





