
Den Narren verspotten, den König subventionieren: Die Schweizer Bankenillusion
Während die Öffentlichkeit über einen viralen Finanz-Influencer lacht, demontieren Bankenlobbyisten stillschweigend die Rechenschaftspflicht von Führungskräften.

Die Zürcher Bahnhofstrasse sorgte kürzlich für eine virale Sensation, als ein junger Finanzangestellter in einer lokalen Straßenshow beiläufig Begriffe wie Market Huddle, Private Credits und die Straße von Hormus verwendete. Das Internet brach in Gelächter aus, insbesondere über sein Geständnis, mehrere hunderttausend Franken zu verdienen. Zahllose Memes und Werbungen folgten und machten den Mann zu einem temporären nationalen Witz.
Die öffentliche Reaktion offenbart eine eigentümliche nationale Naivität. Die Bürger dieses wohlhabenden, hochgebildeten Landes finden es urkomisch, dass ein Mann in verschlungenem Fachjargon spricht, akzeptieren aber ohne Zögern, dass eine solche Finanzalchemie ein enormes Gehalt rechtfertigt. Es ist eine bequeme, leicht feige Form der Rebellion. Die Schweizer Öffentlichkeit lacht über die Narren auf der Straße, während sie pflichtbewusst für die Misserfolge der Könige zahlt.
Das eigentliche strukturelle Versagen spielt sich in der Hauptstadt ab, fernab von viralen Social-Media-Feeds. Nach dem spektakulären Zusammenbruch der Credit Suisse, die anschließend von der UBS mit großzügiger staatlicher Unterstützung übernommen wurde, hat der Bundesrat neue Bankenregulierungen vorgeschlagen. Das Ziel dieser Lex UBS ist für den lokalen Finanzsektor völlig neuartig: Führungskräfte für die Katastrophen verantwortlich zu machen, die sie verursachen.
Für ein Land, das sich einer robusten Wirtschaft und eines gut funktionierenden Staates rühmt, ist das Konzept, Spitzenbanker zur Rechenschaft zu ziehen, überraschend fremd. Führungskräfte, die die Credit Suisse in den Abgrund steuerten, haben größtenteils ihre Boni behalten und sahen sich keinen finanziellen oder rechtlichen Konsequenzen gegenüber. Diese staatlich geförderte Sozialhilfe für die Hochfinanz ermöglicht es den Architekten des Zusammenbruchs, unversehrt davonzukommen. Nun will die Regierung sicherstellen, dass diejenigen, die eine Krise verursachen, auch dafür bezahlen.
Erwartungsgemäß wehrt sich die Schweizerische Bankiervereinigung aktiv gegen den neuen Rahmen. In ihrer offiziellen Pressemitteilung erklärte die Lobbygruppe, sie fordere eine sorgfältige Prüfung der praktikablen Alternativen zur vorgeschlagenen Maximalvariante sowie eine Gesamtsicht aller geplanten Maßnahmen, um unnötige Belastungen für den Finanzplatz und die Realwirtschaft zu vermeiden. Ohne ihren bürokratischen Schleier ist die Botschaft klar: Der Bankensektor erwartet, dass die implizite Staatsgarantie vollständig ohne persönliche Konsequenzen bleibt.
Finanzministerin Karin Keller-Sutter bemerkte kürzlich, dass man Anstand nicht regulieren könne. Sie hat vollkommen Recht. Während das neue Bankengesetz zur Debatte ins Parlament geht, bleibt die Bevölkerung durch harmlose Internet-Witze abgelenkt. Ob die UBS tatsächlich mit einem strengeren Regulierungsregime konfrontiert wird, ist höchst zweifelhaft. Der Finanzplatz bevorzugt seine bescheidene Korruption sauber verpackt, und die Bürger, stets höflich und konfliktscheu, scheinen perfekt bereit zu sein, die Zeche weiterhin zu zahlen.
Verfasst von Sandy van Dongen
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