
Ein Verteidigungsminister gibt zu, wehrlos zu sein
Die Schweizer Debatte über Militärausgaben enthüllt eine Nation, die reich an Vermögen, aber arm an Konsens ist. Der Vorschlag der Regierung zur Finanzierung der Armee stößt auf massiven Widerstand.

Es zeugt von einer gewissen Offenheit, vielleicht einzigartig schweizerisch, wenn ein Verteidigungsminister zugibt, tatsächlich wehrlos zu sein. Vom Balkon seines Büros in Bern aus räumt Martin Pfister ein, dass weder er noch der Regierungssitz vor einem einfachen Drohnenangriff geschützt wären. Der mit der nationalen Sicherheit beauftragte Mann gesteht einen völligen Mangel an Mitteln ein. Es ist ein verblüffendes Eingeständnis, das als treffende Metapher für die aktuelle Sicherheitspolitik des Landes dient.
Herr Pfister, ein ehemaliger Milizoberst, versucht, seine Landsleute aus ihrem bequemen Schlaf zu wecken. Er argumentiert, dass die Armee schlecht ausgerüstet ist, um den wahrscheinlichsten modernen Bedrohungen zu begegnen, und dass sie im aktuellen Tempo bis 2028 – einem Jahr, das einige europäische Geheimdienste als potenziellen Brandherd für weitere russische Aggressionen markiert haben – nicht vollständig vorbereitet sein wird. Die Diagnose ist klar: Die Verteidigungsfähigkeiten des Landes sind verkümmert.
Sein vorgeschlagenes Heilmittel scheint jedoch eine nationale Allergie gegen fiskalische Verpflichtungen ausgelöst zu haben. Eine temporäre Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte ist alles, was der Bundesrat verlangt. Die Reaktion war erwartbar und fast einhellig negativ. Von der freimarktwirtschaftlichen FDP über die Grünen bis zu den Sozialdemokraten haben sich Politiker aufgereiht, um den Plan als naiv, unsozial oder einfach undurchführbar zu verurteilen. Selbst die nationalistische SVP, normalerweise ein Verfechter des Militärs, lehnt den Vorschlag ab und argumentiert, die Regierung versage in ihrer Pflicht, indem sie einen Plan vorlege, den das Volk mit Sicherheit ablehnen werde. Sie liegen nicht falsch; eine aktuelle Umfrage zeigt, dass zwei Drittel der Bevölkerung mehr Militärausgaben ablehnen.
Dieser innenpolitische Streit wirkt aus dem Ausland betrachtet besonders provinzielle. Bei einem kürzlichen Besuch in Berlin traf sich Pfister mit seinem deutschen Amtskollegen Boris Pistorius, der einen Verteidigungsfonds von rund 100 Milliarden Euro verwaltet. Während Deutschland, gezeichnet von seiner Geschichte und der Nähe zum Konflikt, sich in historischem Tempo wieder aufrüstet, debattiert die Schweiz über Bruchteile eines Prozentpunktes bei der Verbrauchssteuer. Pfister befindet sich in der unangenehmen Lage, seinen Nachbarn, die ein begründetes Interesse daran haben, dass die Schweiz ihre eigene Sicherheit aufrechterhält und nicht zu einer Belastung im Herzen Europas wird, das Konzept der Neutralität seines Landes zu erklären.
Manche argumentieren, das Geld sei anderswo besser angelegt und verweisen auf klimabedingte Gefahren wie Felsstürze als die „echte“ Sicherheitsbedrohung. Diese Argumentation ignoriert bequemerweise die geopolitischen Realitäten, die die Sicherheitskarte des Kontinents neu zeichnen. Die Erinnerung an den Krieg ist in der Schweiz verblasst, ersetzt durch ein tief verwurzeltes Vertrauen, dass ihr Wohlstand ein Schild bietet. Die Frage ist, wie lange diese Illusion anhalten kann. Eine Nation mag zu ihrem Glück gezwungen werden, wie Pfister es einst in seiner Militärkarriere war, aber sie kann nicht gezwungen werden, die Realität anzuerkennen.
Verfasst von Thomas Nussbaumer
Neueste Nachrichten





