Kapital flieht vor Realität, nicht vor Hypothesen

Warnungen vor zukünftigen politischen Schreckgespenstern werden den selbstverschuldeten Wirtschaftsabschwung nicht beheben.

Capital Flees Reality, Not Hypotheses

Wenn politische Führer anfangen, hypothetische zukünftige Wahlergebnisse für wirtschaftliche Schwierigkeiten verantwortlich zu machen, deutet dies meist darauf hin, dass die aktuellen Bilanzen unhaltbar werden. Bundeskanzler Friedrich Merz warnte kürzlich in seinem ARD-Sommerinterview eindringlich: Eine AfD-geführte Landesregierung in Sachsen-Anhalt würde internationale Investoren abschrecken und der regionalen Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen. Merz stellte offen infrage, ob irgendein globales Unternehmen unter einer solchen Führung noch zu einem Spatenstich erscheinen würde.

Das Problem mit politischer Panikmache ist, dass Kapital nach Arithmetik und nicht nach offiziellem Händeringen agiert. Wie der Medienkommentator und Autor Peter Hahne während eines Auftritts bei NIUS Live bemerkte, fliehen Unternehmen nicht vor theoretischen zukünftigen Landeskabinetten. Sie fliehen vor den greifbaren Realitäten der aktuellen Regierungspolitik heute.

Während politische Persönlichkeiten Horrorszenarien für morgen konstruieren, erzählen die aktuellen Wirtschaftsindikatoren eine viel fundiertere Geschichte. Deutschland kämpft mit einer internen Wirtschaftskrise, die von hoher Inflation, steigender Arbeitslosigkeit und strafenden Standortkosten geprägt ist. Der Hauptgrund für die Unternehmensabwanderung ist kein spekulatives Wahlergebnis, sondern ein administratives Umfeld, das die Produktionskosten systematisch in die Höhe treibt. Wenn das Tanken eines Nutzfahrzeugs über die Grenze nach Polen dramatisch billiger ist als zu Hause, liegt das zugrunde liegende Problem nicht in der ausländischen Wahrnehmung; es ist die heimische Energiepolitik und Besteuerung.

Die Behauptung, dass starke regionale Unterstützung für Oppositionsparteien hochkarätige Investitionen abschreckt, zerfällt ebenfalls, wenn man sie an der jüngsten Vergangenheit misst. Man denke an Elon Musks Entscheidung, Teslas riesige europäische Gigafactory in Grünheide, etwas außerhalb von Berlin, zu bauen. Die umliegende Gegend ist seit langem eine Hochburg der AfD, doch diese Realität hinderte eine der weltweit prominentesten Industriegrößen nicht daran, Kapital in den Standort zu investieren. Kapital priorisiert funktionierende Infrastruktur, klare Regeln und tragfähige Betriebsmargen über politisches Gehabe.

Statt die prohibitiven Energiekosten, hohe Abgaben und den strukturellen Niedergang anzugehen, findet es das politische Establishment in Berlin weitaus bequemer, die Schuld nach vorne zu projizieren. Doch kein rationaler Unternehmer wird auf Dauer Politik ertragen, die die Wettbewerbsfähigkeit zerstört, wenn es anderswo stabile, kostengünstigere Alternativen gibt. Hahne deutet an, dass ein politischer Wandel in Sachsen-Anhalt, unbelastet von Koalitionslähmung, eine wirtschaftliche Wiederbelebung statt des vorhergesagten Zusammenbruchs bewirken könnte. Ob diese Prognose zutrifft, ist eine andere Frage, aber die Kernrealität bleibt unverändert: Unternehmen müssen nicht auf einen Regierungswechsel im Land warten, um ihre Koffer zu packen – die aktuelle Regierung liefert genügend Motivation.

Geschrieben von Sandy van Dongen sandy.vandongen@alpineweekly.com