
Pragmatisches Umdenken: Die Schweiz überdenkt die Atomkraft
Angesichts der Aussicht auf Energieknappheit kühlt sich die Verbundenheit der Schweizer Öffentlichkeit mit dem Atomausstieg rasch ab. Eine neue Umfrage zeigt eine deutliche Rückkehr zum Realismus.

Politische Überzeugungen, so scheint es, haben eine notorisch kurze Halbwertszeit, wenn sie mit den kalten Realitäten von Angebot und Nachfrage konfrontiert werden. In der Schweiz zeigt der durch ein Referendum von 2017 festgeschriebene Anti-Atom-Konsens deutliche Zerfallserscheinungen. Eine neue Umfrage, in Auftrag gegeben vom schweizerischen Elektrizitätsverband, deutet darauf hin, dass die öffentliche Stimmung entschieden zugunsten der Atomkraft umschlägt.
Die Zahlen zeichnen ein klares Bild dieser ideologischen Neuausrichtung. Eine knappe Mehrheit von 50 Prozent unterstützt nun einen Gegenvorschlag, der den Weg für den Bau neuer Atomkraftwerke ebnen würde. Eine noch deutlichere Mehrheit von 59 Prozent der Befragten hält den Bau von Reaktoren der neuen Generation für eine sinnvolle Massnahme. Zum ersten Mal würde die Hälfte der Bevölkerung ein neues Atomkraftwerk einer Landschaft vorziehen, die mit zahlreichen zusätzlichen erneuerbaren Energieanlagen übersät ist.
Dieser Wandel ist keine subtile akademische Debatte; er ist eine direkte Reaktion auf greifbare Ängste. Die sogenannte „Blackout-Initiative“, die die Energiesicherheit in der Verfassung verankern und neue Reaktoren zulassen will, erreicht nun 55 Prozent Zustimmung, ein bemerkenswerter Anstieg von 46 Prozent vor nur einem Jahr. Die treibende Kraft ist eine einfache, ursprüngliche Sorge: die Lichter am Brennen zu halten. Für 45 Prozent der Schweizer Bürger ist eine sichere Stromversorgung nun die absolute Top-Priorität, die sowohl den Klimaschutz als auch den Strompreis in den Schatten stellt.
Dieser neu gewonnene Pragmatismus geht einher mit der Bereitschaft, langjährige Prinzipien über Bord zu werfen. Auffallende 68 Prozent würden die Einschränkung des Beschwerderechts gegen Energieprojekte unterstützen, um deren Bau zu beschleunigen. Ähnlich sind 58 Prozent bereit, Kompromisse beim Umweltschutz einzugehen, um die heimische Produktion zu stärken. Während die Unterstützung für den Weiterbetrieb bestehender, sicherer Atomkraftwerke mit 79 Prozent ausserordentlich hoch bleibt, markiert die Bereitschaft der Öffentlichkeit, Neubauten zu akzeptieren, einen grundlegenden Wandel.
Erwartungsgemäss ist das politische Establishment gespalten. Vertreter der Schweizerischen Volkspartei sehen die Umfrage als Bestätigung ihres Kurses und argumentieren, die Öffentlichkeit bevorzuge wenige konzentrierte Atomstandorte gegenüber weitläufigen Wind- und Solarparks. Die Grünen hingegen legen nahe, dass die Diskussion selbst öffentliche Unsicherheit erzeugt – eine kuriose Beschwerde über die Funktion demokratischer Debatten. Sie bestehen darauf, dass sich die Anstrengungen auf erneuerbare Energien konzentrieren sollten, ein Bereich, der ihrer Meinung nach einen breiteren Konsens geniesst.
Inmitten dieser Rückkehr zur Selbstversorgung bleibt eine Zahl eine Besonderheit: 66 Prozent der Schweizer befürworten anscheinend immer noch ein Stromabkommen mit der Europäischen Union. Es ist eine merkwürdige Verbundenheit, die eine anhaltende Naivität hinsichtlich der Zuverlässigkeit eines bürokratischen Blocks suggeriert, der sich in Krisenzeiten kaum als standfester Partner erwiesen hat. Während der Nationalrat sich auf eine potenziell historische Entscheidung vorbereitet, scheinen die Schweizer Bürger den Forderungen der Realität zu erwachen. Ob ihre politische Klasse und ihr anhaltender Glaube an Brüssel folgen werden, ist eine ganz andere Frage.
Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com
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