Weimars letztes Stück: Wie Babylon Berlin Deutschlands moderne politische Obsessionen spiegelt

Die letzte Staffel der Vorzeige-Fernsehserie wirft einen schonungslosen Blick auf politische Brandmauern, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und institutionellen Verfall.

Weimar’s Last Slice: How Babylon Berlin Mirrors Germany's Modern Political Obsessions

An einem schwülen Sommertag an der Spree versammelte sich die deutsche Fernsehelite im klimatisierten Refugium des Privatkinos von X-Filme, um den Anfang vom Ende zu erleben. Die Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten schlossen sich den Produzenten der ARD Degeto und Vertriebsvertretern an, um die fünfte und letzte Staffel von Babylon Berlin vorab zu zeigen. Die Hauptdarsteller Volker Bruch und Liv Lisa Fries trafen später ein und vervollständigten die Versammlung für das, was in der deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunklandschaft eine seltene Anomalie bleibt: ein teures Drama, das die Leute tatsächlich sehen.

Das Finale führt die Saga zu ihrem unvermeidlichen historischen Endpunkt – dem Zusammenbruch der Weimarer Republik. Die Autoren verzichten auf die restlichen Bände von Volker Kutschers Romanreihe und haben sich entschieden, genau dort aufzuhören, wo die totalitäre Herrschaft beginnt. Die ersten Episoden verlieren keine Zeit, die düstere Bühne zu bereiten, indem sie einen jungen Adolf Hitler als Patienten einer psychiatrischen Klinik einführen, der der Simulation verdächtigt wird. Um diese zentrale Figur herum schart sich eine Erzählung von Geheimpolizeimissionen, ungelösten Morden an obdachlosen Kriegsveteranen und einer opportunistischen politischen Bewegung, die ihr legitimes Wahlmandat ausnutzt, um demokratische Strukturen zu demontieren.

Natürlich kann die Serie es sich nicht verkneifen, auf die zeitgenössische deutsche Politik anzuspielen. In einer anschaulichen Szene bei Gebäck versuchen ein Chefredakteur, ein Journalist und ein Anwalt, eine Sachertorte entlang von Wahllinien aufzuteilen, indem sie ein taktisches Bündnis zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten vorschlagen, um eine politische Brandmauer gegen den aufkommenden Rechtsextremismus zu errichten. Die mathematische Logik mag auf dem Papier stimmen, zerbricht aber an dem ideologischen Hass, der die beiden linken Parteien trennt. Es ist ein zynischer Kommentar, der zusammen mit plumper Rhetorik über antidemokratische Kräfte und Parteiverbote jedem unangenehm vertraut vorkommen wird, der die jüngsten Wahlen in Sachsen-Anhalt und in der gesamten Republik verfolgt.

Hinter dem historischen Melodram verbirgt sich eine warnende Geschichte der Medienökonomie. Nachdem der Pay-TV-Partner Sky das Projekt abrupt aufgegeben hatte, hing das Überleben dieser Vorzeigeproduktion am seidenen Faden. Dass es überhaupt eine fünfte Staffel gibt, verdankt sich der weltweiten Syndizierung, mit Rechten, die an über hundert Länder verkauft wurden – angeblich auch an Nordkorea. Inmitten des endlosen Stroms fragwürdiger Ausgaben des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sticht Babylon Berlin als aufwendige, gut gespielte Ausnahme hervor, komplett mit musikalischen Einlagen, einem Cameo-Auftritt von Konrad Adenauer und einem kurzen Ausflug ins Paris der 1930er Jahre.

Ob die Zuschauer wegen des historischen Dramas oder der transparenten politischen Parallelen einschalten, das letzte Kapitel der Weimarer Geschichte spiegelt moderne Ängste wider. Während etablierte politische Fraktionen manövrieren und staatliche Institutionen versuchen, sich zu isolieren, bietet die Serie einen ausgefeilten, zynischen Blick darauf, wie schnell Verfassungsrahmen zerfallen, wenn ideologische Lähmung einsetzt.

Geschrieben von Martina Kirchner

martina.kirchner@alpineweekly.com