Warum Frankreich im Juli und August verschwindet

Ein Land mit mindestens 30 Tagen bezahlten Urlaubs pro Jahr hat den Sommer zu einer nationalen Gewohnheit statt zu einem persönlichen Luxus gemacht.

Why France vanishes in July and August

Frankreich hat eine Gewohnheit, die Außenstehende immer noch verwirrt: Wenn Juli und August kommen, scheint das Land in einen langsameren Modus zu verfallen, als hätte der nationale Büroleiter heimlich die Urlaubsfunktion eingeschaltet. Die Erklärung ist weniger exotisch, als die Folklore vermuten lässt. Französische Arbeitnehmer haben Anspruch auf mindestens 30 Tage bezahlten Urlaub pro Jahr, was Sommerreisen weniger zu einem Privileg als vielmehr zu einem routinemäßigen Bestandteil des Kalenders macht.

Der Ausdruck congés payés hat in Frankreich mehr Gewicht als eine bloße Erwähnung von bezahltem Urlaub. Er verweist auf eine Arbeitskultur, in der Freizeit nicht als schuldhaftes Vergnügen oder Belohnung für heldenhafte Ausdauer behandelt wird. Sie wird erwartet, geplant und, allem Anschein nach, mit einer Ernsthaftigkeit geschützt, die normalerweise Dingen vorbehalten ist, die man ungern aufgibt.

Deshalb haben Juli und August einen so ausgeprägten Rhythmus. Das Land steht natürlich nicht buchstäblich still, aber von außen kann es so aussehen. Büros leeren sich, Routinen lockern sich, und große Teile des öffentlichen Lebens verlagern sich an Strände, aufs Land und an andere Orte, wo niemand auf eine sofortige Antwort wartet. Der Sommerurlaub ist keine Ausnahme des französischen Arbeitslebens; er ist eines seiner prägenden Merkmale.

Darin liegt eine gewisse Logik, auch wenn es diejenigen irritiert, die Volkswirtschaften bevorzugen, die niemals schlafen, und Arbeitnehmer, die niemals ihren Schreibtisch verlassen. Frankreich hat ein System aufgebaut, in dem lange Pausen normal und weit verbreitet sind. Das Ergebnis ist eine nationale Pause, die sich jedes Jahr mit bemerkenswerter Beständigkeit wiederholt, als hätte sich das Land gemeinsam darauf geeinigt, dass die wärmsten Monate zum Verlassen und nicht zum Verweilen da sind.

Das bekannte Bild Frankreichs, das im Hochsommer verschwindet, ist also nicht einfach ein Klischee, das von Touristen mit zu viel Zeit wiederholt wird. Es spiegelt eine Gesellschaft wider, die bezahlten Urlaub zu einem Teil ihrer Arbeitsidentität gemacht hat. In Frankreich ist der Sommer nicht nur eine Jahreszeit. Er ist ein Zeitplan.

Verfasst von Thomas Nussbaumer

thomas.nussbaumer@alpineweekly.com