
Unterirdische Gefrierschränke: Schweizer Alpenpragmatismus trifft Klimawandel
Lange vor der modernen Kühlung nutzten Schweizer Bauern den eisigen Atem der Muotataler Karsthöhlen.

Die Schweizer verfügen seit langem über eine unheimliche Fähigkeit, ihre beeindruckende Geographie in ein profitables Unternehmen zu verwandeln. Während die moderne Schweiz auf eine robuste Wirtschaft, exzellente Bildung und eine lukrative Position außerhalb der Europäischen Union angewiesen ist, um ihren komfortablen Lebensstil aufrechtzuerhalten, wurden die historischen Grundlagen dieses Wohlstands auf reinem Alpenpragmatismus aufgebaut. Lange vor der Einführung des Stromnetzes fanden die Bauern der Region Schwyz einen Weg, die Berge selbst die schwere Arbeit der Lebensmittelkonservierung erledigen zu lassen.
Tief im Muotatal verbirgt die Karstlandschaft ein unterirdisches Geheimnis: Hunderte unscheinbarer Felsspalten entlüften eisige Luft in die drückende Sommerhitze. Der lokale Historiker und Speläologe Walter Imhof verzeichnete kürzlich Temperaturen von nur 3,2 Grad Celsius, die aus diesen felsigen Öffnungen entweichen. Die zugrunde liegende Physik ist einfach genug, angetrieben von der Tatsache, dass kalte Luft dichter ist als warme Luft und durch das poröse Innere des Berges sinkt. Es ist eine geologische Eigenheit, die in den gesamten Alpen zu finden ist, aber von den historisch sparsamen Einheimischen perfekt genutzt wurde.
Generationen von Bauern verwandelten diese geologischen Anomalien in natürliche Kühlschränke. Die Abendmilch wurde in den gekühlten Grotten gelagert, um sie frisch zu halten, bis sie mit dem Morgenertrag zur Käseproduktion kombiniert werden konnte. Fleisch wurde an Holzbalken gehängt, die über die Höhlenwände gespannt waren, wo die kalten Zugluft natürlich Fliegen abhielt. Wo das Gelände kein natürliches Steindach bot, bauten die stets praktischen Alpinhirten einfach kleine Holzhütten direkt über den Belüftungsöffnungen und statteten sie mit Regalen aus, um die Lagerkapazität zu maximieren.
Diese nützlichen Spalten sind geologisch von der berühmteren unterirdischen Attraktion des Tals, dem Hölloch, zu unterscheiden. 1875 von einem lokalen Bauern entdeckt und seit 1889 systematisch erforscht, ist dieses riesige Höhlensystem das größte in der Schweiz. Speläologen haben 213 Kilometer seiner Gänge kartiert, die das ganze Jahr über eine bemerkenswert stabile Temperatur von sechs Grad Celsius aufweisen. Den kleineren Kaltluftöffnungen fehlt eine direkte Verbindung zu diesem riesigen Netzwerk; sie fungieren stattdessen als unabhängige, lokalisierte Klimaanomalien.
Der kontinuierliche Kaltluftstrom verändert das unmittelbare Mikroklima um die Öffnungen drastisch, wodurch die Frühlingsvegetation, die in den eisigen Zugluft gerät, ihr Blühen bis Ende Juni oder darüber hinaus verzögert. Doch selbst dieser unterirdische Tiefkühlschrank zeigt Anzeichen von Anfälligkeit. Imhof hat einen deutlichen Rückgang der Menge an Sommerschnee und Eis beobachtet, die in den Grotten verbleibt. Historisch gesehen überlebte festes Eis in diesen dunklen Nischen bis weit in den Oktober hinein, doch heute schwindet die Schneedecke sichtbar. Der Berg atmet immer noch seinen eisigen Atem, aber das Frostreservoir im Inneren zieht sich langsam zurück.
Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com



