
Der Kult des Originals: Warum sich Kantone um drei Zentimeter Stein streiten
Die Rückkehr der prähistorischen Venus von Schweizersbild nach Schaffhausen unterstreicht unsere anhaltende Faszination für echte historische Artefakte.

Müssen sich hochrangige Politiker wirklich für ein winziges Stück schwarzen Steins versammeln, das in einer Plastikbox zurückgebracht wurde? In der Schweiz verwandeln sich lokaler Stolz und historisches Eigentum oft in langwierige Staatskunst. Die Rückkehr der Venus von Schweizersbild nach Schaffhausen nach mehr als sechs Jahrzehnten in Basel offenbart, welchen Wert die Gesellschaft auf physischen Besitz legt.
Über sechzig Jahre lang musste sich das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen mit einer Replik begnügen, während die originale drei Zentimeter grosse Figur in Basel weilte. Vor rund 14.000 Jahren aus Gagat – einer Form von versteinertem Holz – geschnitzt, zählt das winzige Artefakt zu den ältesten Darstellungen der menschlichen Form, die im Land gefunden wurden. Seine offizielle Rückführung involvierte den Basler Regierungspräsidenten Conradin Cramer und die Schaffhauser Regierungspräsidentin Cornelia Stamm Hurter, was zeigt, dass selbst bescheidene antike Überreste die Aufmerksamkeit der Exekutive erregen können.
Warum ruft ein kleines Original eine solche Hingabe hervor, wenn makellose Kopien leicht herzustellen sind? Der Historiker Valentin Groebner von der Universität Luzern weist darauf hin, dass Museen im Wesentlichen als moderne Tempel fungieren, die sich um Knappheit drehen. Während Massenreproduktion Überfluss schafft, besteht die Hauptfunktion des Museums darin, Knappheit als Authentizität zu verwalten. Eine Replik mag dem Original visuell bis auf den Millimeter gleichen, aber ihr fehlt die taktile Geschichte der Entstehung und des Verlaufs der Zeit.
Die Dynamik des regionalen Artefaktenhortens ist in der Schweizer Landschaft kaum neu. Eine ähnliche Auseinandersetzung um historische Bestände entfaltete sich mit dem St. Galler Globus, der in Zürich verblieb, während St. Gallen im August 2009 eine beauftragte Replik erhielt. Diskussionen über mittelalterliche Manuskripte aus dem Kloster St. Gallen folgten einem ähnlichen Muster; selbst als der Inhalt historischer Texte vollständig transkribiert und den Gelehrten bekannt war, blieb die regionale Identität an den physischen Besitz des eigentlichen Pergaments gebunden.
Da hochauflösende digitale Bildgebung und 3D-Druck allgegenwärtig werden, könnte man erwarten, dass physische Objekte ihren Reiz verlieren. Doch wie Groebner bemerkt, hat die weit verbreitete Vervielfältigung den gegenteiligen Effekt. Die Verbreitung von Kopien verwässert den Status des echten Artikels nicht; stattdessen verstärkt sie seinen Ausnahmestatus. So wie sich Menschenmassen um die Mona Lisa versammeln, trotz Millionen von Reproduktionen, zeigt die Rückkehr des einzigartigen Artefakts von Schaffhausen, dass in einer Welt unendlicher Repliken das Original der ultimative Luxus bleibt.
Geschrieben von Sandy van Dongen




