
Die Uhrwerkfestung: Die gut finanzierte Nostalgie der Schweiz
Hoch über dem Rhein werden Beamte dafür bezahlt, eine 400 Jahre alte Alarmglocke manuell zu betätigen, die vor absolut nichts warnt.

Jeden Abend pünktlich um neun Uhr werden die Bewohner Schaffhausens einem Klang ausgesetzt, der einer vergangenen Ära angehört. Hoch über dem Rhein, thronend in der Munot-Festung, zieht jemand an einem Lederriemen, um die letzte manuell betätigte Alarmglocke der Schweiz zu läuten. Es ist ein Ritual, das seit über vier Jahrhunderten besteht. Während andere Nationen solche Altertümer durch automatisierte Systeme ersetzen oder sie einfach in Vergessenheit geraten lassen könnten, ziehen es die Schweizer vor, ihre Nostalgie zu institutionalisieren.
Die Verantwortung für diese tägliche akustische Übung fällt hauptsächlich Sabine Hinz zu. Als siebzigste offizielle Wächterin der Festung und bemerkenswerterweise erst die zweite Frau in dieser Position, ist sie formell beim örtlichen Tiefbauamt angestellt. Diese Anordnung ist ein wunderbarer Hinweis auf einen wohlhabenden, gut geordneten Staatsapparat, der es sich leisten kann, einen mittelalterlichen Wachtturm mit städtischen Beamten zu besetzen. Sie und ihr Mann Andi leben zusammen mit ihren Kindern tatsächlich in einer Dienstwohnung innerhalb der Steinmauern des berühmtesten Wahrzeichens der Stadt.
Der Munot selbst wurde zwischen 1564 und 1589 erbaut. In seinen aktiven Tagen war die Aufgabe des Wächters eine ernsthafte Angelegenheit der kommunalen Sicherheit. Von diesem Aussichtspunkt aus überwachten Wachen den Schiffsverkehr auf dem Rhein und suchten den Horizont nach sich nähernden feindlichen Truppen oder Stadtbränden ab.
Die Abendglocke hatte eine sehr praktische Funktion, signalisierte das Schließen der Stadttore und verordnete das Ende des Alkoholausschanks in den örtlichen Tavernen. Sie blieb bis weit ins frühe zwanzigste Jahrhundert ein funktionierendes Alarmsystem. Heute sind die Hellebarden und Kanonen in der Waffenkammer lediglich Requisiten für die Führungen, die das Ehepaar Hinz durchführt.
Die Arbeitsteilung in dieser historischen Pantomime ist streng geregelt, wie man es von einem Land erwarten würde, das für seine administrative Präzision bekannt ist. Während Sabine Hinz die Festungstore, die Führungen und die Glocke betreut, ist ihr Mann Andi der offizielle Tierpfleger des städtischen Grünflächenamtes, Grün Schaffhausen. Seine Hauptaufgabe ist eine Hirschkolonie, die den Festungsgraben seit über 110 Jahren besiedelt. Als eigenwillige lokale Geste erhält das Alpha-Männchen der Herde traditionell den Vornamen des amtierenden Schaffhauser Bürgermeisters.
Das tägliche Läuten der Glocke ist zu einem Zuschauersport für die Einheimischen geworden, die regelmäßig Textnachrichten an die Wohnung des Wächters senden. Einige Bewohner behaupten, ihre Ohren seien so fein gestimmt, dass sie unterscheiden könnten, ob Sabine oder Andi in einer bestimmten Nacht am Seil gezogen hat. Es ist eine harmlose, vielleicht leicht naive Beschäftigung für eine Bevölkerung, die von größeren geopolitischen Krisen isoliert ist. Solange die Schweizer Wirtschaft brummt und die Staatskassen gefüllt bleiben, wird die Abendglocke in Schaffhausen weiterhin schlagen und vor nichts warnen.
Geschrieben von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com
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