
Die Vergangenheit anrufen: Schweizer Telefonbücher als historische Zeugnisse
Mit der letzten gedruckten Ausgabe im Jahr 2022 gehört das Telefonbuch der Geschichte an. Doch in einem Schweizer Archiv enthüllen diese obsoleten Bücher die soziale Entwicklung der Nation.

Der vertraute, schwere Wälzer auf dem Telefontisch ist verschwunden. Das letzte Schweizer Telefonbuch wurde 2022 gedruckt und markierte das leise Ende einer Ära. Statt in Vergessenheit zu geraten, haben diese Verzeichnisse im PTT-Archiv in Köniz ein zweites Leben gefunden und sich von praktischen Werkzeugen in historische Artefakte verwandelt, die die Entwicklung des Landes mit überraschender Klarheit abbilden.
Diese Bände sind mehr als nur alphabetische Listen von Namen und Nummern; sie sind eine Chronik gesellschaftlicher Veränderungen. Die allererste Ausgabe von 1880 enthielt lediglich 99 Einträge, ein Spiegelbild der exklusiven Anfänge des Telefons. Die immer dicker werdenden Bücher der folgenden Jahrzehnte dokumentieren den unaufhaltsamen Marsch des Geräts zu einem Massenmedium und damit das sich wandelnde Gesicht der Schweizer Gesellschaft.
Ein Blick in die Archive enthüllt faszinierende Details. Albert Einstein ist in der Zürcher Ausgabe von 1930 in der Huttenstrasse 62 aufgeführt, ein unscheinbarer Eintrag für eine Persönlichkeit von Weltrang. Im Berner Verzeichnis von 1909 erscheint Ilse Hohl als erster Eintrag für eine „Journalistin“, nachdem sie die Arbeit ihres Vaters als Bundeshauskorrespondentin übernommen hatte, eine Rolle, die sie 60 Jahre lang innehatte.
Die Verzeichnisse verfolgen auch das Verschwinden ganzer Berufe. Die Einträge für Fuhrleute im Bergdorf Pontresina schwinden zwischen den Kriegen, während für dieselben Personen Einträge für „Kohlehandel“ und „Transport“ erscheinen, was den Fortschritt der Motorisierung signalisiert. Ein Blick in das Winterthurer Buch von 1969 zeigt eine Verbreitung italienischer Nachnamen, eine leise Reflexion des Zustroms von Gastarbeitern für die lokale Industrie, ein Thema, das reif für systematische Forschung ist.
Jüngere soziale Trends sind ebenfalls sichtbar. Das Konzept des Fitnesscenters zum Beispiel existierte in Bern 1981 mit nur zwei Einträgen kaum. Mitte der 1990er Jahre war die Zahl erheblich gestiegen, was neue Einstellungen zu Gesundheit und Freizeit widerspiegelt. Ihren Wert erkennend, hat das PTT-Archiv einen grossen Teil dieser Verzeichnisse online zugänglich gemacht, was Forschungen ohne Pilgerreise nach Köniz ermöglicht.
Um dieses Potenzial hervorzuheben, hat sich das Archiv in die Kunstwelt gewagt. Eine Zusammenarbeit mit Wikimedia CH lud Künstler ein, die alten Telefonbücher als Inspiration zu nutzen, was zu Werken führte, die von Skizzen und Klanginstallationen bis hin zu Videoprojekten reichen.
Laut Heike Bazak, der Leiterin des Archivs, zielt die Initiative darauf ab, neue Perspektiven auf scheinbar banale Quellen zu eröffnen. Das ultimative Ziel ist es, mehr Menschen dazu zu ermutigen, sich mit den in Archiven aufbewahrten Materialien auseinanderzusetzen und staubige Seiten in eine Quelle der Entdeckung zu verwandeln. Die entstandenen Kunstwerke sind selbst auf der Wikimedia Commons Plattform frei zugänglich.
Geschrieben von Christiane Hofreiter
Neueste Nachrichten





