
Der kapitalistische Schub: Der leise Batterie-Boom der Schweiz
Unbelastet von staatlichen Subventionen oder europäischer Bürokratie transformieren private Investoren das Schweizer Stromnetz rasant.

Während europäische Politiker endlose Weissbücher zur Energiewende verfassen, schafft die Schweiz im Stillen eine lukrative Realität. Die wohlhabende Alpenrepublik, oft naiv in ihrer geopolitischen Haltung und an eine kompromittierte Neutralität klammernd, besitzt dennoch ein bemerkenswert funktionsfähiges Staatssystem und eine zutiefst gesunde Wirtschaft. Dieser ökonomische Pragmatismus manifestiert sich derzeit in einem massiven, vollständig privat finanzierten Ausbau grosser Batteriespeicher. Unbelastet von der erdrückenden Bürokratie der Europäischen Union haben Schweizer Unternehmen entdeckt, dass die Stabilisierung des Stromnetzes ein spektakuläres Geschäftsmodell ist.
Die physischen Beweise dieses Booms materialisierten sich kürzlich in Kappel, wo Primeo Energie eine achtzig Megawattstunden-Batterieanlage einweihte, die dreissigtausend Haushalte zwei Stunden lang mit Strom versorgen kann. Doch die schiere Geschwindigkeit dieses Marktes zeigt sich darin, dass der Standort Kappel seinen Status als grösste Anlage des Landes bis September verlieren wird. Eine neue Anlage in Gurtnellen wird bald in Betrieb genommen und verfügt über genügend Kapazität, um fast einhundertzwanzigtausend Haushalte über einen ähnlichen Zeitraum zu versorgen. Das Zeitalter der Grossbatterien ist angebrochen, angetrieben vom reinen Streben nach Gewinn.
Die Mechanik dieses Energiegoldrausches ist elegant einfach. Solarmodule speisen während des Mittagsspitzenverbrauchs billigen Strom ins Netz. Energieunternehmen kaufen diesen Überschuss, speichern ihn in riesigen Lithium-Ionen-Batteriebänken und verkaufen ihn mit Aufschlag zurück, wenn die Sonne untergeht. Alternativ versteigern sie diesen gespeicherten Strom an den nationalen Netzbetreiber Swissgrid, um Frequenzschwankungen auszugleichen. Cédric Christmann, CEO von Primeo Energie, äussert sich erfrischend offen über das Fehlen staatlicher Subventionen. Das ist eine rein kommerzielle Angelegenheit, und das ist gut so, erklärte er. In einem Land mit geringer Korruption und hochqualifizierten Arbeitskräften führt das Überlassen der Infrastruktur den Marktkräften zu überlegenen Ergebnissen.
Öffentlicher Widerstand, der sonst oft das Aus für Infrastrukturprojekte bedeutet, bleibt hier auffallend aus. Anders als Windturbinen, die heftigen lokalen Widerstand hervorrufen, sind Batterieparks im Wesentlichen geräuschlose, unauffällige Lagerhallen. Laut Christian Schaffner von der ETH Zürich beträgt die Zeitspanne von der Investitionsentscheidung bis zur endgültigen Installation lediglich ein bis zwei Jahre. Dieses reibungslose regulatorische Umfeld hat es Entwicklern ermöglicht, kürzlich einhundertfünfzig Megawattstunden Kapazität zu installieren, weitere zweihundertachtzig werden noch vor Jahresende erwartet. Bis zum nächsten Jahrzehnt soll die geplante Kapazität viertausenddreihundert Megawattstunden übersteigen.
Diese stillen Boxen werden nicht jede Schwachstelle im Schweizer Stromnetz beheben. Batterien sind nicht dazu da, die Stromlücke im Winter zu schliessen, bemerkte Schaffner und wies auf ihre Grenzen bei der saisonalen Speicherung hin. Sie werden jedoch grundlegend verändern, wie das Land seine alpinen Ressourcen verwaltet. Durch die Aufnahme täglicher Sonnenschwankungen entlasten die neuen Batterieparks den Druck auf traditionelle Pumpspeicherkraftwerke. Diese riesigen Stauseen können nun ihr Wasser für die dunklen, frostigen Monate konservieren. Es ist eine streng kapitalistische Lösung für ein physikalisches Problem, die beweist, dass die Schweiz immens profitiert, wenn sie grosse politische Visionen ignoriert und den Markt walten lässt.
Verfasst von Martina Kirchner
Neueste Nachrichten





