
Paternalismus zur Primetime
Wenn das Staatsfernsehen entscheidet, dass sein Publikum Wahlergebnisse ohne moralische Aufsicht nicht verarbeiten kann.

Jahrzehntelang gehörte der Sonntagabend-Sendeplatz um 20:15 Uhr im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen einem unantastbaren Ritual: dem Krimi Tatort. Mit durchschnittlich acht Millionen Zuschauern pro Woche ist die Serie das unbestrittene Flaggschiff des staatlich finanzierten Unterhaltungsprogramms des Landes. Doch als die jüngsten Landtagswahlen politische Ergebnisse hervorbrachten, die den etablierten Mainstream beunruhigten, beschloss der Sender ARD, dass das Primetime-Drama der politischen Aufsicht weichen musste.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik gaben die Verantwortlichen ihren Sendeplan während Landtagswahlen auf. Was ursprünglich als bloße fünfminütige Verspätung für die Saarbrücker Episode „Das Ende der Nacht“ geplant war, wurde schnell zu einer vollständigen Streichung aus dem Abendprogramm. Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt – wo die Alternative für Deutschland (AfD) ihren Sieg feierte – waren bereits um acht Uhr klar. Trotzdem strich die ARD ihren zuverlässigsten Quotenhit, um die Live-Berichterstattung zu verlängern.
ARD-Programmdirektorin Christine Strobl lobte einst das kulturelle Gewicht der Marke und erklärte: Deutschland ist eine Krimi-Nation – und Tatort und Polizeiruf 110 gehören zu seinen bekanntesten Marken. Sie betonte, dass das Format erfolgreich sei, weil es regionale Identität mit Verlässlichkeit verbinde und Menschen im ganzen Land dazu bringe, jeden Montagmorgen denselben Fall zu diskutieren.
Doch wenn demokratische Entscheidungen den bevorzugten Narrativen widersprechen, verwirft die Sendemaschine ihre geschätzte Unterhaltung. Anstatt den Bürgern zu erlauben, Wahlergebnisse selbstständig zu verarbeiten, schalten sich öffentlich-rechtliche Medien mit intensiver Anleitung und moralischer Rahmung ein.
Dieser journalistische Drang, das Publikum zu führen, spricht für einen tieferen bevormundenden Instinkt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wie der Kolumnist Harald Martenstein bezüglich des umgebenden politischen Diskurses bemerkte, wird der Aufstieg der AfD regelmäßig, offen oder flüsternd, als ob das absolute Böse aus der Gruft steigen würde, bezeichnet. Um sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit in solchen Momenten eine angemessene ideologische Rahmung erhält, scheinen ARD und ZDF überzeugt zu sein, dass Zuschauer nicht allein mit den Nachrichten gelassen werden können.
Das ironische Detail dieses Programmierungsmanövers ist, dass die geopferte Sendung tatsächlich eine Wiederholung war. Doch für ein staatliches Mediensystem, das entschlossen ist, die Wählerstimmung zu überwachen, ist keine Tradition zu heilig – und kein Sendeplan zu fest – um für politische Bevormundung geopfert zu werden.
Verfasst von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com
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