
Wenn Fußball den Puls in die Höhe treibt, übernimmt das Herz die Abrechnung
Ein Spiel kann den Körper erschüttern, doch für Menschen mit versteckten Herzproblemen liegt die wahre Gefahr in dem, was der Stress auslöst.

Ein Fußballspiel soll Unterhaltung sein, kein klinischer Test. Dennoch scheint jedes große Turnier dieselbe unbequeme Frage aufzuwerfen: Können 90 Minuten Nerven, Schreien und zusammengebissene Kiefer ein anfälliges Herz zu weit treiben? Die Antwort aus der medizinischen Literatur ist nicht theatralisch, aber beunruhigend genug, um jedem den Abend zu verderben, der bereits ein kardiovaskuläres Risiko trägt.
Die entscheidende Unterscheidung ist einfach. Fußball ist nicht die Ursache eines Herzinfarkts, sagen Ärzte; er kann der Funke sein, der ein bereits auf Sauerstoff wartendes Feuer entzündet. Während hochspannender Spiele steigen Herzfrequenz, Blutdruck und Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol stark an. Für gesunde Fans bedeutet das normalerweise kaum mehr als einen vorübergehenden physiologischen Anstieg. Für Menschen mit bestehenden Herzerkrankungen oder mehreren ordentlich übereinander gestapelten Risikofaktoren kann derselbe Anstieg gefährlich werden.
Dies ist kein neuer Verdacht, der als Wissenschaft verkleidet ist. Nach der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ergab eine Studie im New England Journal of Medicine, dass Notaufnahmen wegen Herzproblemen an Tagen, an denen die deutsche Mannschaft spielte, anstiegen, insbesondere während der angespanntesten Spiele. Das Risiko eines kardiovaskulären Ereignisses war bis zu 2,7-mal höher als an anderen Tagen. Seitdem sind ähnliche Muster in Studien zu anderen großen Sportereignissen aufgetreten, insbesondere wenn Spiele in die Verlängerung gehen, ins Elfmeterschießen oder sich einfach bis zum Abpfiff nicht entscheiden.
Die neuesten Erkenntnisse stammen von der Universität Bielefeld in Deutschland, die dieses Jahr Forschungsergebnisse in Scientific Reports veröffentlichte. Mehr als 200 Fans wurden über mehrere Wochen mit Smartwatches überwacht, wodurch Wissenschaftler Herzfrequenz und Stresslevel während Fußballspielen verfolgen konnten. Das Ergebnis war kaum überraschend, aber präzise: Intensive Spiele führten zu deutlichen Anstiegen des physiologischen Stresses, insbesondere bei den emotional am stärksten in ihr Team investierten Anhängern. Das Zuschauen im Stadion, statt zu Hause, verstärkte die Reaktion sogar noch. Offenbar hat die Nähe zum Chaos ihren eigenen kardiologischen Reiz.
Natürlich wirkt das Spiel selten allein. Kardiologen weisen darauf hin, dass das Risiko steigt, wenn emotionale Belastung durch die üblichen Begleiter eines großen Spiels ergänzt wird: Alkohol, schwere Mahlzeiten, Rauchen, zu wenig Schlaf. Fügt man schlecht kontrollierten Bluthochdruck, Diabetes oder hohes Cholesterin hinzu, hat der Körper eher weniger Spielraum für Heldentaten. In diesem Umfeld werden Arrhythmien, hypertensive Krisen und sogar ein Herzinfarkt plausibler, als sie sein sollten.
Für die meisten Zuschauer gibt es jedoch keinen Grund, das heutige Duell zwischen Spanien und Belgien wie einen medizinischen Notfall zu behandeln. Dr. José Abellán und andere Experten geben eine beruhigende Botschaft: Die große Mehrheit der Fans kann zuschauen, ohne ihre Gesundheit zu gefährden. Wer jedoch eine Vorgeschichte mit Herzproblemen hat, sollte gut daran tun, Übertreibungen zu vermeiden, seine Behandlung fortzusetzen und Warnzeichen wie Brustschmerzen, Atemnot, starkes Schwitzen oder Beschwerden, die sich auf Arm oder Kiefer ausbreiten, nicht zu ignorieren.
So bleibt der Fußball selbst unschuldig genug. Der Körper, weniger. Was die Wissenschaft über Jahre der Beobachtung gezeigt hat, ist, dass ein hochspannendes Spiel der perfekte Auslöser werden kann, wenn das Herz bereits anfällig ist. Das Spiel mag in Feier oder Enttäuschung enden; für einige ist die eigentliche Frage, ob ihr Puls sich rechtzeitig beruhigt.
Geschrieben von Andreas Hofer


