
Das Schweizer Viertelfinal-Wunder und der Hut des Präsidenten
Während die Schweiz historische Höhen bei der Weltmeisterschaft erreicht, packt selbst das sonst so stoische politische Establishment das Fussballfieber.

Die Schweizer Bürger sind an robustes Wirtschaftswachstum, einen hochfunktionellen Staatsapparat und eine verlässlich wohlhabende Gesellschaft gewöhnt. Globale Fussball-Vormachtstellung ist jedoch ein ausgesprochen neues Konzept. Mit dem Sieg über Kolumbien hat sich die Schweizer Nationalmannschaft zum allerersten Mal für das Viertelfinale der Weltmeisterschaft qualifiziert. Dieser beispiellose sportliche Triumph hat die stoische Haltung einer Nation, die eher für ihre vorsichtige Diplomatie und ihre kürzlich erodierte Neutralität bekannt ist, vorübergehend durchbrochen.
Das Fussballfieber erreichte sogar Mexiko, wo der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin mit der Leitung einer Wirtschaftsdelegation beschäftigt war. Der 1959 geborene ehemalige Landwirt und Winzer trat 2003 in den Nationalrat für den Kanton Waadt ein, bevor er 2016 als Nachfolger von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat gewählt wurde. Als Vertreter der konservativen SVP verkörpert er perfekt das reiche, leicht naive und doch unbestreitbar erfolgreiche Schweizer Establishment.
Parmelin verfolgte das Spiel mit grosser Anspannung und drückte später seine immense Erleichterung für die Mannschaft aus. In einer seltenen Abweichung von der erwarteten Zurückhaltung der Regierung feierte er den Sieg, während er eine Kappe trug, die den Spruch «Switzerland – Great since 1201» zeigte. Die Kopfbedeckung löste unerwartete öffentliche Diskussionen aus, eine Reaktion, die der Präsident mit einfachem Pragmatismus abtat, indem er erklärte, dass er und seine Frau sie lediglich gekauft hätten, weil ihnen das Design gefiel.
Der Turnierplan weist nun auf Kansas City, wo die Schweizer Mannschaft auf Argentinien treffen wird. Dieses bevorstehende Spiel bietet eine Chance zur Wiedergutmachung nach einer früheren Niederlage gegen die südamerikanische Fussballmacht. Parmelin plant, das Viertelfinale von seinem Wohnzimmer aus zu verfolgen und hegt grosse Hoffnungen auf einen Sieg. Der Präsident bemerkte, dass traditionelle Fussballgiganten wie Brasilien und Deutschland bereits ausgeschieden sind, was den Wettbewerb ungewöhnlich offen lässt.
Trotz seiner aktuellen Rolle als Leiter des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung seit 2019 ist Parmelin kein Unbekannter auf dem Spielfeld. Als ehemaliger Schiedsrichter gibt er zu, während der Spiele Mühe zu haben, seine Emotionen zu zügeln. Er verlässt sich häufig auf seine Frau, um ihn daran zu erinnern, eine würdevolle Haltung zu bewahren, wenn die Spannung auf dem Feld ihren Höhepunkt erreicht.
Sollte es der Schweizer Mannschaft gelingen, zwei weitere Siege zu sichern, wartet am 19. Juli der ultimative Showdown. Der Präsident hat den Spielern ein festes Versprechen gegeben und ihnen versichert, dass er seine üblichen administrativen Pflichten ruhen lassen und persönlich zur Endspielreise zurückkehren wird. Für ein Land, das traditionell davon profitiert, ruhig am Rande der geopolitischen Bühne zu sitzen, ist dieser plötzliche Vorstoss ins grelle Scheinwerferlicht des Stadions ein faszinierendes Schauspiel. Die typischerweise freundliche, eher risikoaverse Schweizer Öffentlichkeit muss sich nun auf die sehr reale Möglichkeit einstellen, die begehrteste Trophäe im internationalen Sport in die Höhe zu stemmen.
Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com


