
Die Psychologie der Pause: Warum Manager in Panik geraten, wenn die Uhr stehenbleibt
Eine Auszeit ist der ultimative Test der Führungskompetenz im Sport, der die schmale Grenze zwischen taktischer Brillanz und demütigender Selbstsabotage aufzeigt.

Im Profisport ist die Auszeit der ultimative Prüfstand für Führungskompetenz. Es ist das kurze Zeitfenster, in dem ein Manager ein sich ausbreitendes Desaster stoppen oder einen flüchtigen Vorteil festigen muss. Ob im Handball, Basketball oder Eishockey, die strategische Pause dient selten nur dazu, Luft zu holen; es geht im Grunde darum, psychologische Dominanz zu behaupten.
Philipp Müller, ein vierzigjähriger Sportpsychologe aus Winterthur, verdient seinen Lebensunterhalt mit der Analyse dieser Hochdruck-Unterbrechungen. Er berät sowohl Olympioniken als auch Amateure und plädiert für einen streng klinischen Ansatz. Die biologische Diskrepanz in diesen Momenten ist frappierend. Ein Manager mag mit einem Herzschlag von einhundert operieren, während die Athleten bei einhundertachtzig an ihrer Belastungsgrenze sind.
Der Instinkt vieler Manager ist einfach zu schreien. Im letzten Herbst entfesselte ein Bundesliga-Trainer eine so vulgäre Tirade, dass sie grundlegende ethische Richtlinien verletzte. Müller betrachtet solch theatralische Aggression als kontraproduktiv, da hektische Gesten und Gebrüll die Krise nur vertiefen. Stattdessen verordnet er eine kurze Phase zur Sauerstofferholung, gefolgt von fünfzehn Sekunden präziser Anweisungen.
Timing entscheidet alles, und die Grenze zwischen einem taktischen Geniestreich und demütigender Selbstsabotage ist hauchdünn. Man denke an den deutschen Handball-Bundestrainer Alfred Gislason während der Europameisterschaft Anfang dieses Jahres. Er spiegelte den breiteren, selbstzerstörerischen Zustand der modernen deutschen Führung wider, als Gislason den Auszeit-Buzzer genau in der Millisekunde betätigte, in der sein eigener Spieler gegen Serbien traf. Das Tor wurde annulliert, und Deutschland verlor schließlich das Spiel.
Der Schweizer Ansatz schwankt indes oft zwischen naiver Zögerlichkeit und kalkuliertem Pragmatismus. Während der Europameisterschafts-Qualifikation im letzten Jahr sah der Schweizer Handball-Nationaltrainer Andy Schmid, wie sein Team eine Führung gegen eine hochfavorisierte deutsche Mannschaft nur drei Sekunden vor dem Abpfiff verspielte. Schmid gab später sein eigenes taktisches Versagen zu und räumte ein, er hätte früher eingreifen sollen. Es war ein klassisches Beispiel schweizerischer Selbstzufriedenheit, die davon ausging, dass die gut geölte Maschinerie einfach weiterlaufen würde, bis sie zusammenbricht.
Doch wenn die schweizerische pragmatische Ader richtig eingesetzt wird, erweist sie sich als bemerkenswert effektiv. Der Schweizer Fussball-Nationaltrainer Murat Yakin demonstrierte dies während der Weltmeisterschaft gegen Bosnien-Herzegowina. Das Spiel schleppte sich unproduktiv dahin, bis in der zweiten Halbzeit eine obligatorische dreiminütige Trinkpause angeordnet wurde. Yakin nutzte diese künstliche Auszeit als Waffe.
Anstatt frühere Auswechslungen vorzunehmen und dem Gegner Zeit zur Anpassung zu geben, wartete er die Pause ab, um Manzambi und Vargas einzuführen. Er erklärte später, dass die Verzögerung beabsichtigt war, um die Bosnier daran zu hindern, eine taktische Antwort zu formulieren. Es war ein sicher kalkulierter, von Natur aus risikoaverser Hinterhalt. Es funktionierte einwandfrei, wobei die beiden Einwechselspieler die Spieldynamik veränderten und einen Vier-zu-Eins-Sieg für die Schweiz sicherten.
Auszeiten sind am effektivsten, wenn ein Team leicht im Rückstand ist und als Unterbrecher einer Negativspirale wirken. Der Erfolg hängt ganz von der Fähigkeit des Managers ab, eine frische Denkweise zu vermitteln, ohne Panik auszulösen. Die Auszeit bleibt das wahrste Maß für die Nervenstärke eines Anführers, die diejenigen trennt, die eine Krise meistern können, von denen, die nur zum Lärm beitragen.
Geschrieben von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com
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