
Die Ziellinie für den Feminismus?
Der Berner Frauenlauf begann als politischer Akt. Vierzig Jahre später ist er zu einer geschätzten Institution geworden. Man muss sich fragen, ob sein Zweck erfüllt oder einfach vergessen wurde.

In einem so geordneten Land wie der Schweiz wird selbst Protest irgendwann zur Tradition. Der Berner Frauenlauf, entstanden aus der Frustration, vom Start ausgeschlossen zu sein, ist heute ein fester Bestandteil des nationalen Kalenders. Was 1987 als trotzige politische Aussage begann, ähnelt heute eher einem grossen Ausflug für Mütter, Töchter und Kolleginnen. Ist das Rennen um Gleichberechtigung gewonnen, oder hat die Veranstaltung einfach ihren ursprünglichen Zweck überlebt?
Man muss sich den Kontext der damaligen Zeit vergegenwärtigen. Vor dem Aufkommen der heutigen Wellness-Industrie waren Sportangebote für Frauen spärlich. Grosse Veranstaltungen wie der Murtenlauf liessen Frauen erst 1977 zu. Die Gründerinnen des Frauenlaufs wollten einen eigenen Raum schaffen, und die Resonanz war unmittelbar: Der erste Lauf zog fast doppelt so viele Läuferinnen an wie die erwarteten 2.320, ein klares Zeichen für aufgestaute Nachfrage.
Die Veranstaltung legte schnell jedes Amateurimage ab. In den 1990er Jahren zog sie olympische Meisterinnen an, und 1997 wurde sie Schauplatz einer Weltpremiere, als die Kenianerin Lydia Cheromei die 15-Minuten-Marke über die 5-Kilometer-Distanz unterbot. Die Verlegung der Ziellinie auf den Bundesplatz im Jahr 2003 war ein starkes Symbol und platzierte den Lauf buchstäblich im Herzen der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Er war angekommen.
Im Laufe der Jahre hat sich die Veranstaltung geschickt angepasst, um ihre Attraktivität zu erhalten. Die Einführung einer 10-Kilometer-Strecke im Jahr 2005 und von Juniorenkategorien ab 2009 verbreiterte ihre Basis und verwandelte sie in ein generationenübergreifendes Ereignis. Das Ergebnis ist eine starke Rückkopplungsschleife: Der Lauf trug dazu bei, die weibliche Beteiligung an grossen Rennen von einstelligen Prozentzahlen auf fast 50 Prozent zu steigern, und dieser Erfolg befeuert nun die Veranstaltung selbst.
Ist es also noch notwendig? Die Organisatoren verweisen auf über 15.000 Finisher in Spitzenjahren und die jährlich 4.000 Neueinsteigerinnen. Diese Zahlen deuten auf eine anhaltende Nachfrage hin, wenn auch vielleicht nicht nach politischer Emanzipation. Der moderne Reiz scheint in Gemeinschaft und geteilter Emotion zu wurzeln, einem Tag kollektiver Erfahrung statt kollektiver Verhandlungen. Die ursprüngliche Mission wurde durch eine neue ersetzt: eine Plattform für persönliche Geschichten und gemeinsame Ziele zu bieten.
Der Frauenlauf ist ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Er trug so effektiv zur Normalisierung der weiblichen Sportbeteiligung bei, dass seine ursprüngliche Prämisse heute fast schon altertümlich wirkt. Er besteht nicht mehr als Protest, sondern als äusserst erfolgreiche soziale und sportliche Marke. Ob ihn das zu einem Anachronismus oder einem Modell cleverer Evolution macht, ist eine Frage der Perspektive.
Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com
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