Die Bürokratie der Abwesenheit: Wenn das Gesetz einen Geist fordert

Ein jahrzehntealter Cold Case beleuchtet den pragmatischen Ansatz des Schweizer Rechtssystems bei unaufgeklärten Vermisstenfällen.

The Bureaucracy of Absence: When the Law Demands a Ghost

Der Schweizer Staatsapparat ist ein Wunderwerk administrativer Effizienz. Er verabscheut ein Vakuum, besonders wenn dieses Vakuum Eigentum und Erbschaften betrifft. Wenn eine Person verschwindet, ist die emotionale Zerstörung tiefgreifend, doch für das Rechtssystem steht die Störung einer ordnungsgemäßen Erbfolge im Vordergrund. Dieser bürokratische Pragmatismus wurde kürzlich vom Bezirksgericht Frauenfeld hervorgehoben, das den rechtlichen Status eines Phantoms bestätigte.

Edith Trittenbass verschwand am 3. Mai 1986. Das achtjährige Mädchen kam nie in ihrer Schule in der Thurgauer Gemeinde Wetzikon an. Über drei Jahrzehnte lang blieb ihr Schicksal völlig unbekannt.

Doch seit 2019 gilt sie offiziell als rechtlich vermisst, ein Status, der praktisch dem Tod gleichkommt. Der Auslöser für diese administrative Endgültigkeit war kein Durchbruch in den Ermittlungen, sondern ein weit banaleres Ereignis. Ihr Vater verstarb 2018.

Nach der gut geölten Maschinerie des Schweizer Zivilrechts bleibt ein vermisstes Kind ein rechtmäßiger Erbe. Ein abwesender Begünstigter blockiert effektiv ein Erbe und verhindert, dass Geschwister oder ein überlebender Ehepartner Vermögenswerte, die oft Unternehmen oder Immobilien umfassen, regeln können. Um diese Pattsituation zu überwinden, griffen die Behörden zu einem charakteristisch bürokratischen Manöver.

Sie veröffentlichten den Inhalt des Testaments, adressiert an eine Frau, deren Aufenthaltsort unbekannt war, und forderten die Bevölkerung auf, Informationen über ihren Verbleib zu teilen. Als ein Jahr mit vorhersehbarer Stille verging, wurde die rechtliche Fiktion ihres Todes formalisiert. Die Bilanzen waren ausgeglichen, so dass die überlebenden Verwandten ihr Erbe beanspruchen konnten, als wäre ihr Tod forensisch bewiesen worden.

Diese saubere rechtliche Lösung steht in scharfem Kontrast zur unübersichtlichen Realität des unaufgeklärten Verbrechens. Das anfängliche Verschwinden löste eine enorme Reaktion aus, mit über hundert Polizisten und Zivilisten, die das Gebiet durchsuchten. Der Fall wurde im Fernsehen ausgestrahlt, und eine Belohnung von 20.000 Franken wurde ausgesetzt, die technisch gesehen noch heute verfügbar ist.

Die Ermittler befragten sogar einen bekannten Sexualstraftäter, Werner Ferrari. Er lieferte ein höchst fragwürdiges Alibi, wurde aber ohne weitere strenge Prüfung freigelassen. Die Behörden schlossen einfach ihre Notizbücher und gingen weiter.

Ein Gerichtsbeschluss löst ein finanzielles Rätsel, bietet aber keinerlei psychische Entlastung. Die Leere, die eine vermisste Person hinterlässt, entzieht sich jeder rechtlichen Kategorisierung. Diese Lücke zwischen Staatsverwaltung und menschlicher Notwendigkeit erkennend, treten oft private Initiativen in die Bresche. Im Jahr 2023 gründete Cornelia Müller eine Freiwilligenorganisation, die Spürhunde zur Ortung vermisster Personen einsetzt. Die Gruppe arbeitet kostenlos und ist vollständig auf Spenden angewiesen, um ihre Einsätze zu finanzieren.

Diese Freiwilligen eilen zu Orten, wo offizielle Behörden sich möglicherweise bereits dem Scheitern ergeben haben. Ihr Ziel ist es, Familien physische Gewissheit zu verschaffen, selbst wenn dies die Entdeckung einer Leiche bedeutet. Gelegentlich verfolgen ihre Hundeeinheiten Gerüche zu öffentlichen Verkehrsknotenpunkten, was dazu führt, dass vermisste Personen lebend über Grenzen hinweg in Frankreich oder Deutschland aufgespürt werden. Sie verfolgen die greifbare Wahrheit, die ein Gerichtsbeschluss einfach abschreibt, und beweisen damit, dass, während das Gesetz einen ordentlichen Abschluss fordert, die Realität selten dazu verpflichtet.

Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com