Die Vögel von Allschwil: Wenn die Natur die Schweizer Ordnung stört

Ein paar schützende Krähen versetzen einen Basler Vorort in Aufruhr und verraten mehr über die Bewohner als über die Vögel.

The Birds of Allschwil: When Nature Disturbs Swiss Order

Bei einem Spaziergang entlang der Bachgraben-Promenade in Allschwil erwartet man bestimmte Dinge: gepflegte Wege, manikürtes Grün und ein allgemeines Gefühl ungestörter Ruhe. Was man nicht erwartet, sind im Sturzflug angreifende Krähen, die ahnungslosen Köpfen Kratzer und Schnitte zufügen. Doch für kurze Zeit bot dieser Winkel der Basler Vororte eine Szene, die an einen klassischen Thriller erinnerte und die ruhige Schweizer Routine störte.

Die örtlichen Behörden reagierten natürlich schnell. Nachdem mehrere Anwohner leichte Verletzungen gemeldet hatten, ergriff die Gemeinde den entschlossenen Schritt, den betroffenen Wegabschnitt für zwei Tage zu sperren. Andreas Dill, der Umweltbeauftragte der Stadt, bestätigte die Vorfälle und bemerkte, dass ein solches Vogelverhalten zwar nicht unbekannt sei, die jüngste Intensität jedoch neuartig war. In einem Land, in dem echte Krisen rar sind, kann ein Paar übereifriger Vogel-Eltern offenbar zu einer Staatsangelegenheit werden.

Experten wurden konsultiert, um das scheinbar böswillige Verhalten zu entschlüsseln. Livio Rey vom Schweizer Ornithologischen Institut lieferte eine eher banale Erklärung, die der Geschichte ihr filmisches Drama nimmt. Die Schuldigen sind fast sicher Aaskrähen, bekannt für ihre energische Verteidigung ihrer Jungen. Der Zeitpunkt ist entscheidend: Die Jungvögel versuchen derzeit ihre ersten unbeholfenen Flüge und landen oft schutzlos am Boden. Die Elterntiere interpretieren sich nähernde Menschen als Bedrohung und reagieren mit einschüchternden, aber weitgehend harmlosen Sturzflügen.

Ihr Ziel scheint es nicht zu sein, zu verletzen, sondern abzuwehren. Das ist die Logik der Natur, schroff und einfach, die sich in einer hochstrukturierten menschlichen Umgebung abspielt. Das Risiko für Menschen ist minimal und beschränkt sich auf ein paar Kratzer für diejenigen, die zu lange verweilen. Die empfohlene Vorgehensweise ist nicht, panisch mit den Armen zu fuchteln, sondern einfach wegzugehen. Die Angriffe hören auf, sobald die wahrgenommene Bedrohung nachlässt.

Der Vorfall in Allschwil veranschaulicht eine einfache Wahrheit: Die Natur, selbst wenn sie in städtische Grünflächen gedrängt wird, behält ihre eigene Logik. Da die Angriffe auf einen kleinen Bereich beschränkt waren, glauben die Beamten, dass nur ein oder zwei Vogelpaare dafür verantwortlich sind. Da die Jungvögel bald geschickte Flieger sein werden, wird erwartet, dass die aggressive Phase kurzlebig ist und keine weiteren Massnahmen geplant sind.

Und so wird die temporäre Absperrung aufgehoben und die Ordnung wiederhergestellt. Die Bewohner von Allschwil können ihre friedlichen Spaziergänge wieder aufnehmen, vielleicht mit einem etwas häufigeren Blick zum Himmel. Das kurze Spektakel ist vorbei und hinterlässt eine leise Erinnerung daran, dass selbst in den am besten regulierten Gesellschaften die Wildnis ihren Weg findet, sich bemerkbar zu machen.

Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com