
Ein Denkmal der Fehlkalkulation in Chur
Eine neue Jugendpsychiatrische Klinik für 50 Millionen Franken in Graubünden ist bereits überlastet. Es scheint, dass in der reichen Schweiz gute Absichten und teurer Beton der Realität nicht standhalten können.

Die Schweiz hat ein Talent dafür, Dinge richtig zu bauen. Wenn ein Problem erkannt wird, ist die Antwort oft greifbar, kostspielig und ästhetisch ansprechend. So auch in Chur, wo nun eine 50-Millionen-Franken-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie steht, komplett mit Schule und Freizeiteinrichtungen, eingebettet in eine angenehme Grünanlage. Sie ist ein Modell dafür, wie eine wohlhabende Gesellschaft für ihre Schwächsten sorgt. Das einzige Problem ist, dass es bei Weitem nicht ausreicht.
Kaum vier Monate nach ihrer Eröffnung ist die Klinik Waldhaus ausgelastet. Die 21 stationären Betten und sieben Tagesklinikplätze sind belegt, und der Notdienst ist rund um die Uhr in Betrieb. Diese beeindruckende neue Infrastruktur sollte dringend benötigte Kapazitäten für die Region schaffen. Stattdessen hat sie lediglich einem alten Problem ein neues, sichtbareres Gesicht verliehen: Der Bedarf an psychiatrischen Diensten für Jugendliche übersteigt das Angebot bei Weitem.
Der eigentliche Druckpunkt liegt in der ambulanten Versorgung. Die medizinische Direktorin der Klinik, Heidi Eckrich, räumt ein, dass trotz Bemühungen, Prozesse zu optimieren und die Effizienz zu steigern, die Warteliste für ambulante Behandlungen bis zu 100 Personen umfassen kann. Das Personal muss auf Triage zurückgreifen, um die dringendsten Fälle zu priorisieren, während andere gezwungen sind zu warten. Es ist ein System, das an seiner quantitativen Grenze arbeitet, eine Situation, die keine architektonische Exzellenz lösen kann.
Die Gründe, warum junge Menschen in psychische Not geraten, sind so vielfältig wie vorhersehbar: Mobbing, Leistungsdruck und Gewalt zu Hause. Die Klinik versucht, einen Zufluchtsort zu schaffen, einen Ort, an dem unterrichtet wird ohne den Stress von Prüfungen. Doch diese therapeutische Blase kann nur denen helfen, die hineingelangen. Für die Dutzenden auf der Warteliste bleiben die Probleme der Außenwelt drängend und unmittelbar.
Eckrich schlägt vor, dass ein stärkerer Fokus auf Prävention erforderlich ist, eine vernünftige, aber kaum revolutionäre Idee. Es deutet auf ein bekanntes Muster der Schweizer Problemlösung hin: Mit einer hochwertigen, teuren Lösung auf Symptome zu reagieren, während die zugrunde liegenden Ursachen weiter schwelen. Eine Gesellschaft, die sich ihrer Voraussicht rühmt, scheint von einer Krise, die sich seit Jahren anbahnt, überrascht worden zu sein. Die neue Klinik in Chur ist eine bemerkenswerte Leistung, dient aber auch als Denkmal einer erheblichen Fehlkalkulation.
Verfasst von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com
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