
Zürich zuerst: Warum Natalie Rickli die kantonale Macht Berns Konsensmaschine vorzog
Die Entscheidung der Zürcher Gesundheitsdirektorin, auf das Rennen um den Bundesrat zu verzichten, entlarvt die seltsame Arithmetik des Schweizer Polit-Ehrgeizes.

Macht in der Schweiz kündigt sich selten mit grossen Gesten an, doch der Rückzug vom höchsten nationalen Amt ist zweifellos ein stilles Statement. Natalie Rickli, die prominente Gesundheitsdirektorin des Kantons Zürich, hat ihren Namen formell aus dem Rennen um den Schweizer Bundesrat zurückgezogen. Anstatt einen Sitz in der siebenköpfigen Bundesregierung in Bern anzustreben, zieht es die Politikerin der Schweizerischen Volkspartei (SVP) vor, sich im Wirtschaftszentrum des Landes zu verankern und stattdessen im April 2027 die Wiederwahl in den Zürcher Regierungsrat anzustreben.
Ihre Wahl verdeutlicht, wie der Schweizer Politikapparat funktioniert. Zürich bietet als grösster und reichster Kanton des Landes eine politische Plattform, die dem Bundesamt in Bezug auf Budget und tatsächlichen Einfluss ebenbürtig ist. Als Vorsteherin des Zürcher Gesundheitsdepartements seit Mai 2019 hatte Rickli bereits Anfang dieses Jahres eine Präferenz für exekutive Stabilität gegenüber der Parlamentspolitik gezeigt, als sie auf eine Kandidatur für den Ständerat verzichtete. In einem wohlhabenden Land, das an eine unaufgeregte regionale Verwaltung gewöhnt ist, ist die Leitung der Gesundheitsbürokratie eines wichtigen Wirtschaftsmotors kaum ein Trostpreis. Auf sozialen Medien wies Rickli darauf hin, dass der grösste Kanton in schwierigen Zeiten eine stabile Regierung braucht.
Mit Ricklis Rückzug richtet sich das Augenmerk auf eine Vielzahl potenzieller Kandidaten innerhalb der Rechtspartei, die alle prüfen, ob der Wechsel nach Bern zu ihrer persönlichen Kalkulation passt. In der französischsprachigen Schweiz hat die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz offiziell ihre Bereitschaft zur Kandidatur erklärt und sich als führende Anwärterin aus der Romandie positioniert, auch wenn rivalisierende Parteien ihren kompromisslosen Stil mit Vorsicht betrachten. Derweil sehen sich ehemalige Top-Kandidaten wie der Zuger Fraktionschef Thomas Aeschi nach der Wahl des ebenfalls aus Zug stammenden Martin Pfister einer veränderten politischen Geografie gegenüber.
Das verbleibende Feld spiegelt die vielfältigen Unternehmens- und Parteiflügel wider. Der Bankier und Vizepräsident der Partei, Thomas Matter, sondiert eine Kandidatur, während der Thurgauer Pascal Schmid, bekannt für seine Arbeit in der Asylpolitik, zunehmend als aufstrebende Figur innerhalb der Parteireihen gilt. Der Unternehmer Franz Grüter könnte durch sein staatsmännisches Auftreten eine Brücke zu rivalisierenden Parteien schlagen, auch wenn er eine klare Parteilinie beibehält. Weiter am Rande plant der Walliser Staatsrat Franz Ruppen, von Kollegen zur Kandidatur überredet, seine Entscheidung bald bekannt zu geben, während der Aargauer Benjamin Giezendanner und der Solothurner Christian Imark offen sind, eine Kandidatur zu prüfen, sollte eine offizielle Einladung erfolgen.
Die Zurückhaltung hochrangiger Zürcher Persönlichkeiten, ihre Koffer für Bern zu packen, unterstreicht eine subtile Realität der Schweizer Regierungsführung: Nationale Ministerposten erfordern oft erhebliche persönliche Kompromisse zugunsten einer erzwungenen kollegialen Einigkeit. Für ehrgeizige Führungskräfte in wohlhabenden Kantonen ist der Tausch von exekutiver Autorität zu Hause gegen den föderalen Konsens nicht immer ein lohnendes Geschäft.
Geschrieben von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com




