Therapie auf Kosten der Öffentlichkeit

Als Sachsen-Anhalt die AfD wählte, reagierten Deutschlands öffentlich-rechtliche Medien nicht mit Analyse, sondern mit kollektiver Trauer.

Therapy on the Public Dime

Als dreiundvierzig Komma acht Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt ihre Stimme der Alternative für Deutschland gaben, hätte man erwarten können, dass der staatlich finanzierte Rundfunkapparat eine nüchterne politische Analyse betreiben würde. Stattdessen glichen die Redaktionsräume von ARD, ZDF und Deutschlandradio einem psychologischen Traumazentrum. Das demokratische Mandat, das dem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund erteilt wurde, der 39 der 83 Parlamentssitze errang, wurde nicht mit journalistischer Distanz, sondern mit etwas an kollektive Trauer Grenzendem aufgenommen.

Fast zwei Stunden lang sendete Deutschlandradio am Wahlabend eine Telefon-Sendung, die schnell jeden Anspruch auf neutrale Kommentierung aufgab. Hörer riefen an, um ihre Bestürzung über die Wählerschaft auszudrücken, während Grünen-Anhänger fragten, warum etablierte Parteien sich weigerten, Notkoalitionen mit der Linken zu bilden. Öffentlich-rechtliche Journalisten meldeten sich zu Wort und fragten sich offen, ob demokratische Normen überhaupt noch gelten sollten, wenn fast die Hälfte der Bevölkerung Parteien wählt, die als autoritär bezeichnet werden. Abweichende Stimmen der Millionen, die tatsächlich für die siegreiche Partei gestimmt hatten, fehlten auffallend, sodass die Ätherwellen als subventionierte Selbsthilfegruppe für diejenigen dienten, die mit der Realität der demokratischen Wahl zu kämpfen hatten.

Die emotionale Not verbreitete sich schnell in den sozialen Medien. Georg Restle, Leiter des ARD-Studios in Nairobi, erklärte auf X seine Scham darüber, dass Wähler Rechtsextremisten an die Macht brächten, und beschrieb eine von über vierzig Prozent der lokalen Bevölkerung unterstützte Partei als eine winzige Randgruppe. Der ZDF-Spätmoderator Jan Böhmermann äußerte sich mit seiner gewohnten Herablassung und beschuldigte etablierte Politiker, extremistische Plattformen zu kopieren. Derweil bezeichnete der erfahrene Politikreporter Erhard Scherfer das Wahlergebnis als eine uneingeschränkte Katastrophe für die gesamte Nation.

Der öffentliche Apparat beschränkte sich nicht auf Elitenkommentare; er erstreckte sich auch auf die politische Umerziehung jüngerer Zielgruppen. Der Instagram-Kanal Mädelsabende, vom WDR für das Jugendnetzwerk funk produziert, veröffentlichte umgehend Richtlinien für den Umgang mit Bekannten, die anders wählen. Begleitet von Bildern, die einen gefärbten Jugendlichen einem kahlköpfigen Stereotyp gegenüberstellten, forderte der Kanal junge Bürger auf, klare Grenzen zu setzen und politisch abweichende Freunde zu befragen.

Wenn öffentliche Institutionen, die durch Pflichtgebühren finanziert werden, von der Nachrichtenberichterstattung zur Bewältigung der psychologischen Not besiegter politischer Fraktionen übergehen, offenbaren sie ein tiefes Unbehagen mit der Volkssouveränität. Letztendlich bot nur ein einziger, von Deutschlandradio Kultur hervorgehobener Kommentar eine nüchterne Wahrheit: Demokratie erfordert die Akzeptanz von Wahlergebnissen, die man nicht mag. In zeitgenössischen deutschen Medienkreisen scheint diese grundlegende Staatsbürgerkunde die bitterste Pille zu sein, die man schlucken muss.

Verfasst von Sandy van Dongen sandy.vandongen@alpineweekly.com