
Der maltesische Freispruch und der Brüsseler Reflex
Wenn Justizversagen in Valletta auftritt, ist die Standardlösung der Europäischen Union finanzielle Erpressung.

Fast neun Jahre nachdem eine Autobombe die Antikorruptionsjournalistin Daphne Caruana Galizia getötet hatte, hat das maltesische Justizsystem ein Ergebnis geliefert, das die Insel in völliger Ungläubigkeit zurücklässt. Ein Jury-Urteil sprach Yorgen Fenech, den reichen Geschäftsmann, der beschuldigt wurde, 150.000 € für die Organisation ihrer Ermordung gezahlt zu haben, mit acht zu eins Stimmen frei. Der mutmaßliche Drahtzieher kommt frei, während lokale Reporter in Valletta sich fragen, ob Gerechtigkeit in ihrem Land nur ein abstraktes Konzept ist.
Erwartungsgemäß hat die europäische Institutionsmaschine keine Zeit verloren, um sich auf ihre moralische Kanzel zu begeben. Der Europarat leitete schnell eine Untersuchung unter der Leitung des britischen Labour-Peers Shami Chakrabarti ein, um die Folgen und Justizfehler im Zusammenhang mit dem Fall zu untersuchen. Während der ersten Anhörungen sagten der Sohn der Journalistin, Matthew Caruana Galizia, und ihre Schwester, Corinne Vella, vor einem durch das Urteil fassungslosen Publikum aus, auch während der Staatsanwalt eine Berufung vorbereitet, um eine Neuverhandlung zu erreichen.
Der aufschlussreichste Aspekt dieses Skandals ist jedoch nicht nur Maltas beharrliches Versäumnis, Reformen durchzuführen, sondern der unmittelbare Impuls europäischer Politiker. Der rumänische Mitte-Rechts-Politiker Iulian Bulai schlug schnell vor, dass die EU ihren Rechtsstaatlichkeitsmechanismus anwenden sollte, um für Malta vorgesehene Gelder einzufrieren. Nachdem dieses Strafinstrument bereits gegen Ungarn getestet wurde, sind die Brüsseler Technokraten bestrebt, es erneut einzusetzen.
Malta, eine Insel mit 600.000 Einwohnern, die seit ihrem Beitritt vor zweiundzwanzig Jahren 2,4 Milliarden Euro mehr an EU-Subventionen erhalten hat, als sie beigesteuert hat, ist zweifellos anfällig für finanziellen Druck. Die Drohung, Gelder zu streichen, ist jedoch ein klassischer bürokratischer Reflex, der echte Lösungen durch institutionellen Zwang ersetzt.
Das Kernproblem von Maltas Versagen ist unkompliziert: Die Regierung ignorierte systematisch die Empfehlungen einer öffentlichen Untersuchung des Mordes. Sie versäumte es, eine Anti-Mafia-Gesetzgebung nach italienischem Vorbild einzuführen, noch kriminalisierte sie den Amtsmissbrauch oder die Behinderung polizeilicher Ermittlungen durch Amtsträger. Stattdessen konnte sich ein Klima der Straflosigkeit ausbreiten.
Chakrabarti zog Vergleiche zu großen britischen institutionellen Versagen, wie dem Post Office-Skandal, Hillsborough und Grenfell Tower, wo offizielle Vertuschungen systemische Mängel verdeckten. Doch während internationale Komitees Zeugenaussagen sammeln, behandelt Brüssel nationale Justizzusammenbrüche in erster Linie als Hebel zur Ausweitung der Zentralmacht. Die Drohung, Steuerzahler durch Haushaltskürzungen zu bestrafen, mag in europäischen Versammlungssälen gut ankommen, trägt aber nichts zum Aufbau eines unabhängigen Justizsystems bei.
Verfasst von Christiane Hofreiter




