
Der Kult des Experten
Forschungspersonen mehr zu vertrauen als gewählten Politikern ist keine bürgerliche Aufklärung – es ist eine bequeme Flucht vor demokratischer Verantwortung.

Wenn eine Bevölkerung Laborkitteln mehr vertraut als ihrem eigenen gewählten Parlament, der Polizei und der Regierung, neigen hochgestellte Intellektuelle dazu, zu applaudieren. In der Schweiz zeigt die jährliche Sicherheitsstudie der ETH Zürich, dass die Wissenschaft die Polizei an der Spitze der öffentlichen Vertrauenshierarchie entthront hat. Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes von der Harvard University lobte das Schweizer Publikum prompt dafür, hochwertige Informationen mehr zu schätzen als ihre amerikanischen Pendants. Doch diese glänzende Selbstbeweihräucherung verdeckt eine tiefere, unangenehmere Realität: einen Rückzug in technokratische Naivität.
Das uneingeschränkte Vertrauen in Forschungsinstitute ist weniger ein Akt bürgerlicher Aufklärung als vielmehr ein Symptom einer Gesellschaft, die einfache Antworten sucht. Wie die Politikwissenschaftlerin Eri Bertsou von der Universität St. Gallen bemerkt, verlagern Bürger, die in einer unsicheren Welt Orientierung suchen, ihr Vertrauen einfach, wenn der Glaube an die traditionelle Politik schwindet. Wo Nachkriegsskepsis einst ein linkes Merkmal in Osteuropa war, hat sich moderne Skepsis in Westeuropa und den Vereinigten Staaten stark nach rechts verlagert – ein Muster, das durch die ETH-Studie bestätigt wird. Noch beunruhigender ist, dass globale Umfragedaten aus 68 Ländern einen weit verbreiteten Wunsch nach einer weitaus stärkeren Rolle von Wissenschaftlern in der aktiven Politikgestaltung zeigen.
Die Gefahr dieser technokratischen Illusion wurde während der Pandemie offensichtlich, als politische Führer sich bekanntermaßen hinter Parolen versteckten, die die Öffentlichkeit aufforderten, „der Wissenschaft zu folgen“. Wie Bertsou hervorhebt, verwischte die Behandlung des wissenschaftlichen Konsenses als singuläre, statische Wahrheit die entscheidende Grenze zwischen Expertenrat und politischer Rechenschaftspflicht. Wenn politische Kurswechsel aufgrund sich entwickelnder Daten unvermeidlich waren, wurden wissenschaftliche Institutionen für Entscheidungen zum Sündenbock gemacht, die eindeutig in den Händen gewählter Minister lagen.
Ebenso naiv ist die Sicht der akademischen Welt auf globale Forschung in einer Ära, in der autoritäre Regime Wissen als Waffe einsetzen. Ralph Weber, China-Forscher an der Universität Basel, betont, wie autokratische Staaten die wissenschaftliche Forschung in den Dienst der Parteienherrschaft stellen und offene Debatten vollständig umgehen. Während westliche Universitäten grenzenlose Zusammenarbeit predigen, birgt gemeinsame Forschung in technischen Bereichen wie der Hydraulik leicht das Risiko, militärische Anwendungen in Ländern zu unterstützen, in denen zivile und militärische Bereiche verschmolzen sind.
In der Zwischenzeit ermöglichen digitale Netzwerke, dass rohe Meinungen als verifiziertes Wissen durchgehen, was die akademischen Institutionen unter Druck setzt, ihren gesellschaftlichen Wert zu rechtfertigen. Anstatt zu versuchen, zu regieren oder als moralische Orakel zu agieren, sollten Universitäten klären, wie wahre Forschung funktioniert – indem sie zwischen objektiven Erkenntnissen und wertbeladenen Interpretationen unterscheiden. Demokratische Regierungsführung erfordert politische Entscheidungen und öffentliche Debatten, von denen keines sicher an ein Forschungslabor ausgelagert werden kann.
Verfasst von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com
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