Die manipulierte Geschichtsschreibung der Staatsmedien: Wie die ARD die 90er Jahre gegen die Opposition instrumentalisiert

Der öffentlich-rechtliche Sender stützt sich auf einen aktuellen Twitter-Mythos, um die post-Wiedervereinigungsära Ostdeutschlands als rechte Dystopie darzustellen.

State Media's Manufactured History: How ARD Weaponizes the 1990s Against the Opposition

Die öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands erweitern ihren Auftrag häufig von der Berichterstattung hin zur Geschichtspolizei. Das neueste Ziel ist Ulrich Siegmund, ein Politiker der Alternative für Deutschland in Sachsen-Anhalt. In einem Interview mit der Weltwoche äußerte er einen einfachen Wunsch: zurückzukehren zu der Freiheit, Selbstbestimmung und dem Gefühl der öffentlichen Sicherheit, die die 1990er Jahre prägten. Für das ARD-Programm Monitor ist eine solche Nostalgie höchst verdächtig. Das staatlich finanzierte Magazin beeilte sich, sein Verlangen nach Sicherheit als „Dog-Whistle“ für rechten Terror darzustellen, was zeigt, wie das Medienestablishment mit politischer Opposition umgeht.

Um seine Anklage zu konstruieren, stellt Monitor Siegmund, geboren 1990 in Havelberg, Katharina Warda gegenüber, einer 1985 in Wernigerode geborenen Soziologin, die ihren südafrikanischen Vater nie kennenlernte. Warda beschreibt ihre Erfahrung dieser Ära als absolute Hölle ständiger Angst und Straßengewalt. Gestützt auf diesen Kontrast zeichnet der Sender ein apokalyptisches Bild Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. Dem Zuschauer wird eine Erzählung von einer Region serviert, die von rechten Mobs, rassistischer Gewalt und Pogromen wie Rostock-Lichtenhagen überrannt wird. Die Unterstellung ist klar: Wer die 1990er Jahre vermisst, hegt insgeheim Sympathien für Neonazi-Schläger.

Um diese Rahmung zu festigen, stützt sich die Sendung stark auf das Konzept der Baseballschlägerjahre. Es ist ein sehr suggestiver Begriff, aber eine neue Erfindung. Suchdaten zeigen, dass dieser spezifische Ausdruck erst um 2019 in den öffentlichen Sprachgebrauch gelangte, angetrieben durch eine koordinierte Twitter-Kampagne. Es ist ein retrospektiver Mythos, geschaffen, um die komplexe Nachwendezeit in eine politisch nützliche Moralfabel zu verdichten. Die Realität der 1990er Jahre im Osten war chaotisch, geprägt von massiver struktureller Arbeitslosigkeit und enormen sozialen Umwälzungen. Langeweile, Alkohol und wirtschaftliche Frustration befeuerten gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Jugend-Subkulturen, darunter Punks, Hooligans und Linksradikale, genauso wie rechte Gruppen.

Die Statistik zerlegt das dystopische Märchen des Staatssenders. Wenn Ostdeutschland wirklich im Griff einer rechten Hegemonie gewesen wäre, dann hat sich diese Dominanz nicht in politische Macht übersetzt. Während des gesamten Jahrzehnts scheiterte die extremistische NPD in keiner ostdeutschen Landtagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde und zog erst 2004 und 2006 in die Parlamente von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern ein. Die rechte DVU hatte ähnliche Schwierigkeiten und errang Sitze in Sachsen-Anhalt und Brandenburg erst 1998 und 1999. Kriminalstatistiken und demografische Daten, die einen stetigen Anstieg der ausländischen Bevölkerung zwischen 1990 und 2005 zeigen, widersprechen ebenfalls dem Bild einer gewaltsamen Säuberung.

Indem die ARD versucht, die Erinnerungen der Bürger zu pathologisieren, hebt sie ihre eigene Rolle als Hüterin des akzeptablen Denkens hervor. Die Wähler in Sachsen-Anhalt haben die Jahre nach der Wiedervereinigung tatsächlich miterlebt. Sie brauchen kein staatlich finanziertes Redaktionsteam, um ihre Erfahrungen durch einen aktuellen Social-Media-Hashtag zu interpretieren. Aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass die Wählerschaft von der von Monitor vorangetriebenen Geschichtsrevisionismus unbeeindruckt ist. Stattdessen teilen viele Siegmunds positive Erinnerung an eine Ära, bevor die aktuellen Krisen der inneren Sicherheit einsetzten.

Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com