
Sanktionierte Ernte: Wie religiöse Edikte und Wahlpolitik die Gewalt im Westjordanland anheizen
Während israelische Siedler die palästinensische Olivenernte unter Staatsschutz stören, sichert politische Opportunität in Jerusalem totale Straffreiheit.

Die jährliche Olivenernte im Westjordanland ist selten eine rein agrarische Angelegenheit, doch diese Saison hat sich zu einer organisierten Vertreibung entwickelt. Was sich auf den Hügeln von Ramallah, Hebron und Nablus abspielt, ist weniger eine Reihe sporadischer Landstreitigkeiten als vielmehr eine bewusste Kampagne, in der religiöse Doktrin auf politische Kalkulation trifft.
Im Zentrum der jüngsten Eskalation steht eine explizite theologische Sanktion. Rabbi Dov Lior, eine prominente Figur in religiös-zionistischen Kreisen und ein spiritueller Führer der politischen Bewegung von Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir, erließ ein religiöses Dekret, das die Beschlagnahmung palästinensischer Olivenkulturen erlaubt. In Lior's Lesart ist das Ernten dieser Haine nicht nur zulässig, sondern eine tugendhafte Handlung, die darauf abzielt, jüdisches Eigentum an Land zu behaupten, das seiner Meinung nach von palästinensischen Bauern nie rechtmäßig erworben wurde. Diese ideologische Rückendeckung verleiht dem, was in der Praxis eine unverhohlene Enteignung ist, einen Anschein von Frömmigkeit.
Die Folgen dieses religiösen grünen Lichts waren unmittelbar und gewalttätig. In Ma’in, südlich von Hebron, wurden sechs Bewohner – darunter vier Frauen und ein Kind – bei einem Siedlerüberfall verletzt. In Kafr Malek wurde ein Bauernhof im Morgengrauen angegriffen, wobei zwanzig Schafe geschlachtet wurden, nachdem in der vorherigen Nacht bei einem Militärüberfall ein Haus mit Tränengasgranaten in Brand gesetzt worden war. Währenddessen wurden an Orten wie Deir Jarir und Beit Furik Bauern, die versuchten, ihre Ernten einzusammeln, mit scharfer Munition und Verhaftungen konfrontiert, während Fahrzeuge von Anwohnern und dem internationalen Aktivisten Jonathan Budlak beschädigt wurden.
Mit über dreihundert dokumentierten Angriffen, die seit Anfang Oktober verzeichnet wurden, ist das Muster konsistent. Siedler agieren routinemäßig unter dem aktiven Schutz oder der passiven Duldung der Militärkräfte, wodurch sichergestellt wird, dass lokale Bauern systematisch von ihren Feldern vertrieben werden, bevor die Ernte abgeschlossen werden kann.
Dieses Umfeld absoluter Straffreiheit existiert nicht im luftleeren Raum. Mit den für den 27. Oktober angesetzten Wahlen hat die politische Führung in Jerusalem wenig Anreize zum Eingreifen. Premierminister Benjamin Netanyahu spielt die Schwere dieser Ereignisse weiterhin herunter, da er genau weiß, dass eine Zügelung der Siedlerbewegung seine Koalitionsbasis gefährden würde. Wenn die staatliche Autorität bekannte Täter aus politischer Zweckmäßigkeit systematisch schützt, hört die Zerstörung von Olivenhainen auf, eine Begleittragödie zu sein – sie wird zur Politik mit anderen Mitteln.
Verfasst von Thomas Nussbaumer




