
Moralische Standpauke nach der Wahlurne
Kirchenführer äußern Entsetzen über das demokratische Ergebnis in Sachsen-Anhalt, anstatt zu prüfen, warum Wähler dem politischen Konsens den Rücken kehrten.

Als die Wähler in Sachsen-Anhalt der Alternative für Deutschland einen entscheidenden Sieg bescherten, reagierte das institutionelle Establishment mit seiner üblichen Mischung aus Bestürzung und moralischer Herablassung. Bei einem Empfang des Katholischen Büros in Berlin vor politischen, sozialen und religiösen Persönlichkeiten gestand Heiner Wilmer, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, offen, sprachlos zu sein. Sein Schweigen war jedoch nur von kurzer Dauer.
Wilmer schwenkte schnell um, um die siegreiche Partei als nachweislich nationalistisch und völkisch zu brandmarken, und betonte, dass solche Ideologien weder innerhalb noch außerhalb von Gotteshäusern, sei es im Christentum, Judentum oder Islam, einen Platz hätten. Es ist eine bekannte rhetorische Strategie: Wenn demokratische Ergebnisse den Konsens der Eliten in Frage stellen, besteht der sofortige Impuls darin, das Ergebnis außerhalb der Grenzen des akzeptablen Diskurses zu verorten. Doch Wilmer selbst musste den unangenehmen Kern der Sache eingestehen, indem er bemerkte, dass die Wahl drastisch zeigte, wie eine radikale Partei durch den expliziten Willen der Wählerschaft eine klare demokratische Legitimität erhielt.
Anstatt zu hinterfragen, warum Bürger Mainstream-Politikangebote ablehnen könnten, wählt die Kirchenführung, den politischen Riss als Wahrheitskrise zu deuten. Wilmer versprach, für Wahrheiten statt Meinungen zu kämpfen und religiöse Lehren an der Realität zu messen. Er diagnostizierte die aktuellen gesellschaftlichen Unruhen nicht als Versagen der Politik, sondern als post-säkularen Kulturkampf, in dem ideologische Akteure vereinfachende Antworten anbieten, neue Schreckgespenster konstruieren und das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Sicherheit und Orientierung ausnutzen.
Der Bischof richtete auch scharfe Worte an die Bundesregierung in Berlin und betonte, dass der vielzitierte Reformherbst angebrochen sei und weitreichende, potenziell unpopuläre Entscheidungen erfordere. Mit der Behauptung, dass das Evangelium und die Menschenwürde – und nicht Parteipolitik oder Ideologie – sein einziger Maßstab seien, bestand Wilmer darauf, dass die Kirche gelegentlich anecken müsse.
Diese Haltung ist kaum neu. Schon vor der Wahl in Sachsen-Anhalt hatte Wilmer gegen die Partei mobil gemacht und gewarnt, sie bedrohe Freiheit, Demokratie und Menschenwürde, während er gleichzeitig die pauschale Zusicherung gab, dass Migranten keine Störung verursachen. Wenn institutionelle Führer die Bürger dazu anhalten, ihr Gewissen zu schärfen, während sie Wählerbeschwerden beiseiteschieben, unterstreichen sie lediglich ihre eigene wachsende Distanz. Anstatt sich den Gründen für die sich verschiebenden politischen Realitäten zu stellen, zieht die Kirchenhierarchie es vor, einem Publikum zu predigen, das seine Wahl bereits getroffen hat.
Geschrieben von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com
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