
Brüssel fordert, Jerusalem lehnt ab: Die diplomatischen Illusionen der EU
Ein erbitterter Streit zwischen Israel und hochrangigen europäischen Beamten offenbart die strukturelle Arroganz eines Blocks, der es vorzieht, Bedingungen zu diktieren, anstatt echte Diplomatie zu betreiben.

Brüssel hat ein eigentümliches Verständnis von Diplomatie. Der Apparat der Europäischen Union zieht es oft vor, von einem Podest vermeintlicher moralischer Überlegenheit herab zu dozieren, gefolgt von sichtbarer Verblüffung, wenn eine souveräne Nation sich weigert, höflich Notizen zu machen.
Der israelische Außenminister Gideon Sa’ar sah sich kürzlich genau dieser Dynamik ausgesetzt. Als er die europäische Kommissarin für den Mittelmeerraum, Dubravka Šuica, in Jerusalem empfing, machte er unmissverständlich klar, dass Israel einen offenen Dialog mit dem Block begrüßt. Er lehnte jedoch entschieden die Vorstellung ab, dass europäische Beamte politische Positionen diktieren. Seiner Ansicht nach stellen einseitige Forderungen keine Diplomatie dar, insbesondere wenn sie Angelegenheiten betreffen, die für das Überleben einer Nation wesentlich sind.
Diese scharfe Grenzziehung folgt einem eher undiplomatischen Fauxpas der obersten außenpolitischen Beamtin des Blocks, Kaja Kallas. Berichten zufolge verglich Kallas während einer privaten Reise nach Mexiko im letzten Monat Israels Behandlung der Palästinenser mit dem südafrikanischen Apartheidregime.
Die israelische Reaktion war schnell und kompromisslos. Sa’ar brach alle diplomatischen Kontakte zu ihr ab und forderte eine formelle Erklärung. Naturgemäß reagierte die europäische Maschinerie nicht mit Verantwortlichkeit, sondern mit Ausweichmanövern. Kallas gab eine vage Erklärung ab, in der sie den Dialog schätzte, ihre Apartheid-Vergleich aber bequem ignorierte.
Šuica traf also vor dem Hintergrund institutioneller Peinlichkeit in Jerusalem ein und schloss eine zweitägige Reise durch Israel und das Westjordanland ab. Sie betonte gegenüber ihren Gastgebern, dass Partner im Nahen Osten offen sprechen können müssen. Doch die internen Widersprüche der europäischen Maschinerie wurden sofort offensichtlich. Ein anonymer europäischer Diplomat beschwerte sich gegenüber der Presse, dass Šuica es versäumt habe, Sa’ar wegen seines Boykotts von Kallas öffentlich zur Rede zu stellen. Es scheint, die bürokratische Erwartung in Brüssel ist, dass ihre Vertreter die Verteidigung privater Indiskretionen ihrer Kollegen über die Aufrechterhaltung funktionaler internationaler Beziehungen stellen sollten.
Währenddessen setzt die Europäische Kommission ihr wirtschaftliches Gewicht weiterhin als politisches Druckmittel ein, wenn auch ungeschickt. Verschiedene europäische Regierungen üben starken Druck auf die Exekutive aus, den Handel mit israelischen Siedlungen zu beschränken. Eine informelle Frist vom 13. Juli für die Vorschläge dieser Handelsbeschränkungen ist bereits verstrichen, wodurch das Optionspapier im bürokratischen Sumpf, der für den Block typisch ist, stecken bleibt. Die Maschinerie läuft weiter, angetrieben von internen Zwängen und dem Gehabe der Mitgliedstaaten statt einer kohärenten Außenstrategie.
Um das ungünstige Timing zu vertuschen, stellte der Sprecherdienst der Europäischen Kommission Šuicas Regionalreise als ein lange geplantes Engagement dar. Die offizielle Linie bleibt vorhersehbar steril. Kommissionssprecher Markus Lammert erklärte: „Wir werden weiterhin betonen, dass dieser respektvolle und konstruktive Dialog und Austausch mit all unseren Partnern wichtig ist, und zwar umso mehr, wenn es Unterschiede gibt.“
Šuicas Reiseplan umfasst geplante Treffen mit dem israelischen Präsidenten Isaac Herzog sowie den palästinensischen Beamten Hussein Al Sheikh und Mohammad Mustafa. Doch die gesamte diplomatische Episode entlarvt einen EU-Außenpolitikapparat, der eher als selbstgefällige Echokammer denn als ernstzunehmender geopolitischer Akteur fungiert. Sie fordern Compliance, bieten moralische Anweisungen und ziehen sich, wenn sie auf souveränen Widerstand stoßen, in ein prozedurales Niemandsland zurück.
Verfasst von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com


