
Berlins bürokratischer Vorschlaghammer: Die Absurdität der Krankmeldung am ersten Tag
Die Bundesregierung will jeden schniefenden Arbeitnehmer ins Wartezimmer eines Arztes zwingen – ein Plan, den Krankenversicherer und Regionalpolitiker vehement ablehnen.

Deutschlands Koalitionsregierung hat einen neuen Schuldigen für die wirtschaftliche Lethargie des Landes ausgemacht: den Mitarbeiter mit einer leichten Erkältung. Um diese vermeintliche Krise des Absentismus zu beheben, schlägt Berlin eine altbekannte Lösung vor: einen bürokratischen Vorschlaghammer. Der Plan, ärztliche Atteste ab dem ersten Krankheitstag vorzuschreiben und telefonische Konsultationen abzuschaffen, stößt, wenig überraschend, auf heftigen Widerstand bei denjenigen, die tatsächlich im Gesundheitssystem tätig sind.
Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, hat die Initiative der Regierung vollständig zurückgewiesen. Gegenüber der Funke Mediengruppe wies sie darauf hin, dass es eine spektakulär ineffiziente Nutzung von Ressourcen sei, jeden schniefenden Arbeitnehmer in eine Klinik zu zwingen. In einem Land, das bereits unter Verwaltungsbürokratie erstickt, droht die Vorschrift einer Krankmeldung ab dem ersten Tag, lokale Arztpraxen zu lähmen. Reimann bemerkte, dass eine solche Anforderung enorme Kapazitäten im Gesundheitswesen beanspruchen würde, wodurch Zeit und Energie von Patienten abgezogen würden, die tatsächlich medizinische Behandlung benötigen. Sie bezeichnete den Ansatz der Regierung als fundamental unsinnig.
Sie verteidigte auch das System der telefonischen Krankmeldung und betonte dessen praktische Wirksamkeit. Patienten die Möglichkeit zu geben, Ärzte aus der Ferne zu konsultieren, verhindert Übertragungen in Wartezimmern während saisonaler Infektionswellen und schützt medizinisches Personal. Laut der Krankenkassenchefin gibt es absolut keine Anzeichen dafür, dass die Option der telefonischen Konsultation systematisch missbraucht wird, noch hätten Ärzte ihre diagnostischen Schwellenwerte während der Pandemie geändert.
Politiker, die auf einen plötzlichen Anstieg der nationalen Krankentage verweisen, interpretieren ihre eigenen Tabellen möglicherweise einfach falsch. Reimann stellte klar, dass der jüngste Übergang zu elektronischen Krankmeldungen mehr kurzfristige Abwesenheiten erfasst, die zuvor von den gesetzlichen Versicherern nicht registriert wurden. Folglich verzerrt der Vergleich aktueller Abwesenheitsdaten mit historischen Zahlen das Bild der Gesundheit der Arbeitskräfte.
Der Widerstand gegen den Regulierungsdrang der Koalition beschränkt sich nicht nur auf die Krankenversicherer. Der Vorschlag hat ein vorhersehbares politisches Zurückrudern ausgelöst. Nach erheblichem öffentlichem Gegenwind haben hochrangige Sozialdemokraten, darunter Parteivorsitzender Lars Klingbeil und Bärbel Bas, bereits begonnen, sich von der Umsetzung des eigenen Koalitionsplans zu distanzieren. Unterdessen haben Stimmen der Opposition, vom Arbeitnehmerflügel der CDU bis zur bayerischen Gesundheitsministerin Judith Gerlach, davor gewarnt, ein ohnehin angespanntes System mit noch mehr lähmender Bürokratie zu belasten. Berlins Reflex, zuerst zu regulieren und später zu bewerten, scheint einmal mehr dazu bestimmt zu sein, unter dem Gewicht seiner eigenen Unpraktikabilität zusammenzubrechen.
Verfasst von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com
Neueste Nachrichten





