Deutschland warnt Israel vor Ausbau der Westbank-Siedlungen

Kanzler Friedrich Merz bezeichnet das geplante E1-Siedlungsprojekt nahe Jerusalem als „großen Fehler“ und fordert eine koordinierte europäische Reaktion angesichts wachsender Spannungen um die Siedlungspolitik.

Deutschland hat ernsthafte Besorgnis über Israels Absichten geäußert, Siedlungen im besetzten Westjordanland zu erweitern. Kanzler Friedrich Merz warnte, dass dieser Schritt jegliche Hoffnung auf einen zukünftigen palästinensischen Staat ernsthaft zunichtemachen könnte.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš in Berlin bezeichnete Merz die Initiative als eine große Fehlkalkulation und drängte die israelische Regierung, das Projekt einzustellen. Ihm zufolge riskiert dieser Plan, die Bemühungen zur Erhaltung jeglicher Chance auf eine Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israelis und Palästinensern zu behindern.

Die Kontroverse dreht sich um das sogenannte E1-Projekt, ein im August genehmigtes Entwicklungsschema, das etwa 3.400 neue Wohneinheiten auf einer Fläche von rund 12 Quadratkilometern östlich von Jerusalem, innerhalb des Westjordanlandes, ermöglichen würde. Dieses Projekt ist seit langem ein Brennpunkt der globalen Diplomatie, da es das Potenzial hat, die territoriale Kontinuität zu fragmentieren, die für einen zukünftigen palästinensischen Staat unerlässlich ist.

Merz forderte eine koordinierte europäische Reaktion und betonte, dass die Auswirkungen des Problems weit über Israel und Palästina hinausgehen.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul bekräftigte diese Haltung während eines zuvor unauffälligen Besuchs in Israel, der Berichten zufolge aus Sicherheitsgründen geheim gehalten wurde. In Gesprächen mit israelischen Beamten in Jerusalem drängte Wadephul die Regierung, die Siedlungspläne zu überdenken.

Er betonte, dass Deutschland solche Maßnahmen als ein Risiko für die Beseitigung der palästinensischen Eigenstaatlichkeit ansieht und sie daher vermieden werden sollten. Wadephul verurteilte auch die gemeldete Gewalt, die extremistischen Siedlern im Westjordanland nach palästinensischen Angaben, wonach drei Menschen bei Angriffen am Wochenende starben, angelastet wird. Er forderte, dass die israelischen Behörden entschlossen reagieren und die Rechtsstaatlichkeit wahren müssen.

Israel hat diese Kritik wenig überraschend scharf zurückgewiesen. Finanzminister Bezalel Smotrich, der die Siedlungspolitik beaufsichtigt, hat offen argumentiert, dass die Erweiterung der Siedlungen ausdrücklich darauf abzielt, die Entstehung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Letztes Jahr erklärte er, dass der Bau weiterer Siedlungen dazu diene, die gesamte Idee der palästinensischen Eigenstaatlichkeit politisch ins Abseits zu drängen.

Auch Außenminister Gideon Sa’ar hat Israels Haltung verteidigt und zuvor bemerkt, dass andere Länder nicht diktieren sollten, wo jüdische Menschen innerhalb dessen leben können, was er als Land Israel bezeichnet. Er behauptete, dass Siedlungsentscheidungen teilweise darauf abzielen, Sicherheitsbedrohungen für das Land zu begegnen.

Die Legalität israelischer Siedlungen gehört zu den umstrittensten Elementen des israelisch-palästinensischen Konflikts. Die überwiegende Mehrheit der internationalen Gemeinschaft betrachtet die Siedlungen im Westjordanland nach internationalem Recht als illegal. Israel bestreitet diese Behauptung und argumentiert, dass Siedlungsfragen durch direkte Gespräche und nicht durch externen Druck gelöst werden sollten.

Die Demografie sorgt für eine weitere Wendung: Etwa 500.000 Israelis leben derzeit in Siedlungen im Westjordanland neben etwa drei Millionen Palästinensern. Jüngste Medienberichte deuten darauf hin, dass regulatorische Anpassungen der derzeitigen israelischen Regierung es Siedlern erleichtert haben, Land zu erwerben.

Das E1-Projekt reiht sich in eine breitere Welle von Siedlungsbauten ein. Mit Stand Dezember 2025 hatten die israelischen Behörden 19 neue Siedlungen genehmigt, was die größte Expansion seit 2017 darstellt.

Innerhalb der israelischen Regierung argumentieren Befürworter, dass diese Initiativen wesentlich für Sicherheit und nationale Interessen sind. Kritiker in Europa und darüber hinaus warnen unterdessen, dass solche Schritte die für eine Zwei-Staaten-Lösung erforderlichen territorialen Konfigurationen weiter gefährden könnten.

Fürs Erste scheinen die europäischen Nationen eine geeinte diplomatische Haltung zu suchen. Ob dies jedoch zu tatsächlichen Maßnahmen – oder nur einer weiteren scharf formulierten Note – führen wird, ist jedermanns Vermutung. Währenddessen rollen die Pläne weiter und sorgen dafür, dass die langjährige Siedlungsdebatte weiterhin im Mittelpunkt der internationalen Bühne steht.

Geschrieben von Martina Kirchner