Wien fährt Kulturinstitutionen zurück, da Budgetkürzungen die Hochkultur treffen
Schließungen von Komponisten-Gedenkstätten und der Wiener Kammeroper lösen Kritik aus inmitten der Verschiebung hin zu „niederschwelligen“ Kulturangeboten

Wien feierte erst letztes Jahr den 200. Geburtstag von Johann Strauss mit großem Pomp und einem gemeldeten Budget von 22 Millionen Euro. Die Feierlichkeiten endeten trotz gemischter künstlerischer Kritiken mit einem finanziellen Überschuss. Die Stadt ehrte den Komponisten, dessen Walzer „An der schönen blauen Donau“ untrennbar mit der österreichischen Identität verbunden ist und weiterhin ein globaler Exportschlager bleibt, jährlich beim weltweit übertragenen Wiener Neujahrskonzert aufgeführt.
Nur Monate später schließt Wien nun einige seiner intimsten musikalischen Gedenkstätten.
Ab dem 1. März hat die Stadt den Geburtsort des „Blauen Donau“ auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Entscheidung ist Teil umfassenderer Sparmaßnahmen, die mehrere Standorte unter dem Dach des Wien Museums betreffen. Darunter sind die Wohnung in der Kettenbrückengasse, in der Franz Schubert starb, und das Haydn-Haus, die letzte Wohnstätte von Joseph Haydn.
Die Schließungen haben bei Kulturvertretern für Frustration gesorgt. Matti Bunzl, der künstlerische und wissenschaftliche Direktor des Wien Museums, lehnte es ab, die Entscheidungen direkt zu kommentieren, und verwies stattdessen auf offizielle Stellungnahmen. Diese betonen, dass das Hauptmuseumsgebäude mit freiem Eintritt geöffnet bleibt, während kleinere Außenstellen „temporär geschlossen“ werden. Offizielle haben auf die Bedeutung der Aufrechterhaltung zugänglicher Kulturangebote hingewiesen, obwohl der Eintritt zu den Komponisten-Gedenkstätten zuvor nur 5 Euro gekostet hatte.
Christoph Angerer, Vorsitzender der Wiener Haydn-Gesellschaft, sagte, er habe von der Schließung des Haydn-Hauses aus Medienberichten erfahren. Er bezeichnete die Entscheidung als zutiefst enttäuschend. Der Standort, so bemerkte er, benötige nur minimales Personal und Betriebskosten. Es ist das Haus, in dem Haydn seine letzten Jahre verbrachte und Hauptwerke wie „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“ komponierte. Der Gedanke, dass ein solch historisch bedeutsamer Ort der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sein würde, sei schwer zu akzeptieren.
Auch die finanzielle Logik wurde hinterfragt. Selbst im geschlossenen Zustand erfordern denkmalgeschützte Gebäude Wartung, Heizung und Strom, um Verfall vorzubeugen. Die potenziellen Einsparungen, so argumentieren Kritiker, erscheinen gering im Vergleich zu den symbolischen Kosten.
Die Sparmaßnahmen gehen über die Museen hinaus. Eine besonders folgenschwere Entscheidung betrifft die Wiener Kammeroper, die als Spielstätte geschlossen werden soll. Die Kammeroper fungierte als zweite Bühne für das Theater an der Wien und ist bekannt für die Inszenierung von Barockwerken, zeitgenössischen Opern und weniger bekanntem Repertoire. Sie bringt typischerweise vier Neuproduktionen pro Saison mit rund 50 Vorstellungen auf die Bühne, die meisten davon ausverkauft.
Die Schließung folgt einer Reduzierung der öffentlichen Förderung für die Vereinigten Bühnen Wien (VBW), die Dachorganisation, die das Theater an der Wien sowie Wiens zwei große Musicaltheater, das Ronacher und das Raimund Theater, beaufsichtigt. Ab 2026 wird die VBW jährlich 5 Millionen Euro weniger an öffentlicher Unterstützung erhalten.
Intendant Stefan Herheim hat Bedenken hinsichtlich der Kurzfristigkeit der Entscheidung geäußert. Er hat angedeutet, dass kulturelle Institutionen zwar zu Einsparungen beitragen müssen, ein langfristiger Konsolidierungsplan jedoch vorzuziehen gewesen wäre. Er wies auch auf Studien hin, die darauf hindeuten, dass öffentliche Investitionen in Kultur breitere wirtschaftliche Erträge generieren, und argumentierte, dass eine Schwächung dieses Ökosystems das kulturelle Profil Wiens auf rein kommerzielle Produktionen verengen könnte.
Stadträtin für Kultur Veronica Kaup-Hasler hat die Maßnahmen verteidigt und erklärt, die Priorität sei, die Vielfalt der Wiener Kulturlandschaft zu bewahren und gleichzeitig erschwingliche und zugängliche Angebote für alle Bewohner sicherzustellen. Ihre Bemerkungen betonen die Unterstützung für „niederschwelligen“ Kulturzugang – ein Ausdruck, der zum Symbol der aktuellen Politikrichtung geworden ist.
Gleichzeitig schreitet Wien mit dem Bau des „Theater im Prater“ voran, einer privat errichteten Musicalstätte mit 1.800 Plätzen und einem Budget von 100 Millionen Euro. Die Fertigstellung ist für Ende 2027 geplant, und es wird neben dem Ronacher und dem Raimund Theater betrieben, die beide von den Kürzungen unberührt bleiben und ihr Programm erweitern sollen.
Die Gegenüberstellung ist nicht unbemerkt geblieben. Während kleinere Gedenkstätten und eine Kammeroper, bekannt für künstlerisches Experimentieren, ihre Türen schließen, erhalten groß angelegte Musicalproduktionen weiterhin institutionelle Unterstützung. Für Kritiker geht es in der Debatte weniger ums Sparen als vielmehr um die Definition kultureller Prioritäten in einer Stadt, die lange Zeit ein Synonym für Hochkultur war.
Wien hat seinen weltweiten Ruf auf Komponisten wie Strauss, Haydn und Schubert aufgebaut. Die aktuelle Haushaltsneuausrichtung legt nahe, dass die Bewahrung dieses Erbes in physischen Räumen und spezialisierten Spielstätten möglicherweise keine Selbstverständlichkeit mehr ist – selbst in einer Stadt, die sich stolz als Hauptstadt der Musik bezeichnet.