Deutschlands Universitäten bröckeln. Sie brauchen Geld – aber vor allem Freiheit.

Das Hauptgebäude der TU Berlin ist wegen „erheblicher statischer Mängel“ geschlossen worden. Hunderte Veranstaltungen fallen aus. Vorlesungen könnten bald in Zelten stattfinden. Und der bundesweite Investitionsstau wird auf über 100 Milliarden Euro geschätzt.

Das Hauptgebäude der Technischen Universität Berlin ist seit Tagen geschlossen. Nach einer Begutachtung wurde es wegen „erheblicher statischer Mängel“ von heute auf morgen dichtgemacht. Wann es wieder öffnen wird, ist unklar. Hunderte Veranstaltungen fallen aus. Ein großer Teil der rund 33.000 Studierenden ist gezwungen, auf digitale Lehre umzusteigen – wie zu Pandemiezeiten. Manche Vorlesungen könnten bald in Zelten stattfinden.

Sucht man ein perfektes Symbol für ein Land im fortgeschrittenen Zustand des Verfalls, so ist es dies. Nach außen setzt Deutschland weiterhin hohe Standards. Nach innen hat der Verfall längst Einzug gehalten. Und nirgendwo wird das deutlicher als dort, wo seine Zukunft gesichert werden soll. Die TU Berlin mag weiterhin international beachtete Forschungsergebnisse produzieren. Aber wenn das Fundament bröckelt, riskiert die gesamte Struktur den Zusammenbruch.

Das Berliner Debakel muss daher als Weckruf dienen. Es reicht nicht, sich als Bildungsstandort zu proklamieren, wenn das nur die Finanzierung einiger ausgewählter Leuchtturmprojekte bedeutet. Schulen und Universitäten sind die wichtigste Infrastruktur, die Deutschland hat. Das ist keine neue Erkenntnis. Sie muss nur endlich Konsequenzen haben.

Die Tatsache, dass von dem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen nur 4 Milliarden Euro an Universitäten und Kindertagesstätten fließen sollen, ist geradezu lächerlich. Zumal Länder und Kommunen bereits angekündigt haben, den Großteil dieser Summe in die Kinderbetreuung zu stecken. Und natürlich besteht auch das Risiko, dass das Geld im Dickicht von Zweckbindungen und Föderalismus verschwindet. Aber wer an Universitäten spart oder sie wie Nebensächlichkeiten behandelt, gefährdet seine eigene wirtschaftliche Basis. Für ein ressourcenarmes Land ist Bildungspolitik immer auch Wirtschaftspolitik.

Allein die TU Berlin bezifferte ihren Sanierungsbedarf bereits 2022 auf 2,4 Milliarden Euro. Dass dies keine Übertreibung ist, zeigte sich bereits vor zwei Jahren, als die Universität ein ihr gehörendes Hochhaus nach einem Wasserschaden auf unbestimmte Zeit schließen musste. Auch in Bayern tropft der Regen in zahlreiche Hörsäle. Die Hochschulrektorenkonferenz schätzt den bundesweiten Investitionsstau auf über 100 Milliarden Euro.

Deutschland setzt seine Prioritäten auf fast paradoxe Weise. Es diskutiert mit großer Ernsthaftigkeit über Industriepolitik, Halbleiterfabriken und Zukunftstechnologien – während es gleichzeitig zulässt, dass genau die Orte, an denen dieses Wissen entsteht, verfallen. Eine Verbesserung ist schwierig. Selbst die wichtigsten Projekte verfangen sich oft in einem dichten Netz aus Antragsanforderungen, Zuständigkeitsüberschneidungen und Denkmalschutz.

Dies ist umso erstaunlicher, da ein Weg aus dem Elend bereits erfolgreich beschritten wurde. Die TU Darmstadt in Hessen wurde vor rund 20 Jahren als erste Universität Deutschlands durch ein eigenes Landesgesetz vollständig autonom. Seitdem verwaltet sie ihre eigenen Bauaktivitäten und ihr eigenes Budget. Die Liste der seitdem neu gebauten oder sanierten Gebäude ist beeindruckend lang.

Skeptiker befürchten, dass sich Universitäten mit dieser Aufgabe überfordern und Geld verschwenden könnten. Doch wer Angst vor Autonomie hat, braucht nur den Status quo zu betrachten. Das Risiko liegt nicht im Experiment. Es liegt darin, so weiterzumachen wie bisher.

Die TU Berlin ist also geschlossen. Vorlesungen finden möglicherweise in Zelten statt. Der Investitionsstau beträgt über 100 Milliarden Euro. Das Sondervermögen stellt nur 4 Milliarden Euro für Universitäten und Kindertagesstätten bereit – und das meiste davon fließt in die Kinderbetreuung. Die TU Darmstadt hat gezeigt, dass Autonomie funktioniert. Der Rest Deutschlands schaut zu. Die Studierenden sind digital. Die Dächer sind undicht. Die Politiker diskutieren Industriepolitik. Die Rektorenkonferenz zählt die Milliarden. Und die Gebäude bröckeln weiter. Deutschlands Zukunft wird auf einem Fundament des Verfalls gebaut. Das ist kein nachhaltiges Modell. Das ist eine Katastrophe, die darauf wartet, zu geschehen. Die Frage ist nicht, ob die TU Berlin wiedereröffnet wird. Die Frage ist, ob Deutschland endlich die Lektion lernen wird, dass Autonomie kein Risiko ist – sie ist die einzige Lösung. Der Status quo versagt. Das Experiment kann nicht schlimmer sein. Die Zelte warten. Die Studierenden beobachten. Die Uhr tickt. Und der Regen fällt, wie immer, weiter. In Hörsälen, in Gängen und auf die Köpfe derer, die weiterhin so tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist es nicht. Und war es schon lange nicht mehr.

Geschrieben von Christiane Hofreiter