
Eine überholte Bürokratie für Schweizer Wein
Das Parlament will Ernteschwankungen mit einem offiziellen Reservesystem abfedern, ignoriert dabei aber, dass das eigentliche Problem im Glas liegt.

Wenn sich Konsumentengewohnheiten ändern, ist die klassische liberale Antwort die Marktanpassung. In Bern hingegen ist die bevorzugte Antwort oft ein Verwaltungsprogramm. Angesichts sinkenden Weinkonsums und unbeständigen Wetters hat der Nationalrat kürzlich einen Vorschlag zur Schaffung einer freiwilligen nationalen Klimareserve für den Schweizer Weinbau mit 128 zu 43 Stimmen bei 16 Enthaltungen angenommen. Die Vorlage geht nun an den Ständerat.
Die Mechanismen klingen beruhigend technisch. Kellereien dürfen überschüssige Trauben über die kantonalen Erntegrenzen hinaus – bis zu einer eidgenössischen Obergrenze – pressen und als AOC-Weinreserven halten. Diese Reserven sollen nur dann auf den Markt gebracht werden, wenn magere Ernten oder knappe Angebote dies erfordern, wodurch Preiskollapse in Spitzenjahren theoretisch verhindert und Marktanteile bei widrigem Wetter gesichert werden.
Natürlich hat die Bundesregierung die Massnahme befürwortet. Wirtschaftsminister Guy Parmelin, selbst ein ehemaliger Winzer, betonte, dass die Teilnahme für Kantone und Produzenten vollständig freiwillig bleibe und die Bundeskasse unberührt lasse.
Doch unter diesem diplomatischen Konsens verbirgt sich eine bekannte Kluft. Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass die Schaffung eines formellen Sicherheitsnetzes das Risiko birgt, eine Überproduktion zu fördern und kleinere Betriebe preislich unter Druck zu setzen. Die strukturelle Spaltung innerhalb der heimischen Industrie verläuft auch entlang sprachlicher Linien. Branchenexperte Andreas Keller merkt an, dass grössere Produzenten, die überwiegend in der französischsprachigen Schweiz konzentriert sind, am meisten von solchen Lagerhaltungssystemen profitieren würden. Vertreter aus deutschsprachigen Regionen, wie Beat Kamm vom Zürcher Weinbauverband, weisen derweil darauf hin, dass die kantonale Umsetzung neue administrativen Aufwand und endlose Kontrollmechanismen schaffen wird.
Es geht auch um Handelspolitik. Ein separater Vorschlag, der derzeit auf dem Tisch der Regierung liegt, zielt darauf ab, Importquoten neu zu verteilen, um Käufer lokaler Trauben zu begünstigen. Bundesregulierungsbehörden werden bald entscheiden müssen, wie stark sie die Waage zugunsten heimischer Reben gegenüber ausländischer Konkurrenz neigen werden.
Doch keine noch so ausgefeilte Regulierungsstrategie kann eine grundlegende Marktweisheit ändern: Schweizer Produzenten decken derzeit nur etwas mehr als ein Drittel des Inlandkonsums ab. Politische Mechanismen können jüngere Generationen nicht dazu zwingen, ein Glas einzuschenken, wenn ihr Gaumen leichtere, fruchtigere Getränke bevorzugt. Wie Branchenstimmen selbst zugeben, würde ein bescheidener Gewinn von fünf Prozent Marktanteil im Inland jedes politische Rettungspaket obsolet machen. Statt sich auf kantonale Lagerbestimmungen zu verlassen, könnten Schweizer Winzer mehr Erfolg haben, indem sie einfach das abfüllen, was die Konsumenten tatsächlich trinken wollen.
Verfasst von Andreas Hofer



