
Zürich verhüllt Nacktgemälde in Freibad – Weil Kinder es sehen könnten
Das Sportamt der Stadt verhüllte einen gläsernen Ausstellungsraum mit einer lichtdurchlässigen Folie, die Sigurd Wendlands Werk „Hide away“ verdeckt. Der 77-jährige Künstler nennt es Zensur.

Die halbtransparente Folie über dem Glas sieht aus wie von einer Baustelle. Wer versucht, durch das Fenster zu lugen, sieht nur vage Umrisse grossformatiger Gemälde. Es sind Werke des Berliner Künstlers Sigurd Wendland, die derzeit im Ausstellungsraum des Zürcher Freibads Letzigraben zu sehen sind – jenem, das die Einheimischen nach dem Schriftsteller und Architekten, der es entworfen hat, Max-Frisch-Bad nennen.
Normalerweise ist der Raum nahe des Eingangs frei einsehbar. Diesmal nicht. Die Stadt Zürich findet eines der Gemälde so anstössig, dass sie Kinder und Jugendliche vor einem direkten Blick schützen will. Der Grund: Wendlands „Hide away“ – eine Adaption von Ferdinand Hodlers berühmtem Werk „Die Nacht“ von 1889 – zeigt nackte, sich windende Frauen, Männer und Kinder.
Der 77-jährige Künstler befindet sich nun in einem Streit mit der Stadt. „Diese Zensur ist ein Skandal“, sagt er.
Ein Ausstellungsraum in einem Schwimmbad klingt ungewöhnlich. Doch das Letzigraben hat seit langem eine Verbindung zur Kunst. Eine Dauerausstellung auf dem Gelände informiert Besucher über Max Frischs Werk, und ein gemeinnütziger Verein organisiert regelmässig zeitgenössische Kunstausstellungen. Das Thema dieses Sommers: Badekultur und Badkunst. Wendland wurde zur Teilnahme eingeladen. Er hat bereits zweimal im Letzigraben ausgestellt. Er fühlt sich Zürich verbunden; sein Sohn lebt hier.
Wendland malt grossformatige Ölbilder. Er verarbeitet soziale Themen wie die Pandemie und den Krieg. Er hat Porträts von Sänger Udo Lindenberg, Schauspieler Bruno Ganz und Satiriker Wiglaf Droste gemalt. Und seine Bilder enthalten oft nackte Figuren. „Hide away“ ist da keine Ausnahme.
Der Ausstellungskurator, Sascha Serfözö, wählte das Gemälde in Wendlands Berliner Atelier aus, zusammen mit zwei weiteren. Der Künstler brachte die Werke persönlich nach Zürich für die Vernissage am 9. Mai. Der Ausstellungstitel: „Nicht schon wieder Realität!“ Das klingt nun wie eine Vorahnung.
Einen Tag später schickte der Bademeister des Freibads eine scharfe E-Mail an Serfözö. In der von der NZZ eingesehenen Nachricht schrieb er: „Ich gehe davon aus, dass Sie sich bewusst sind, dass ein solches Gemälde im öffentlichen Raum, insbesondere an einem für Kinder zugänglichen Ort, nichts zu suchen hat.“ Er forderte, das Gemälde bis zum folgenden Abend abzuhängen.
Es wurde nicht abgehängt. Stattdessen wurde die Glasscheibe mit Folie beklebt.
Tobias Bernhard, Leiter Bäder und Eissportanlagen beim Sportamt Zürich, verteidigt die Entscheidung. Er sagt, der Bademeister habe verhältnismässig gehandelt. „Bei der Künstlerauswahl achten wir bereits darauf, ob die Werke für das breite Publikum des Letzigraben-Bades geeignet sind.“ Er sagt, das Amt habe mit dem Kulturverein eine Vereinbarung, dass bei Werken, die „unterschiedlich interpretiert werden könnten“, ein Sichtschutz angebracht werde – in diesem Fall zum Kinder- und Jugendschutz. Die Ausstellung selbst bleibt zugänglich.
Bernhard argumentiert, dass der Ausstellungsraum in einem Schwimmbad und nicht in einem Museum sei. „Die Leute kommen hierher, um primär zu schwimmen.“ Deshalb habe man entschieden, das Gemälde nicht zu entfernen, sondern einen Sichtschutz anzubringen – wie das auch schon in früheren Fällen geschehen sei. Künftig werde das Sportamt noch enger mit dem Kulturverein koordinieren, welche Art von Exponaten gezeigt werden sollen.
Serfözö sagt, der Verein wolle nicht, dass die Stadt diktiere, welche Kunst im Bad gezeigt werden dürfe. Er findet das Eingreifen irritierend. „An diesem Gemälde ist absolut nichts Anstössiges.“ Im Gegenteil, Wendlands Werke seien eine Bereicherung. Er habe keine Beschwerden von Badegästen gehört. Die Badleitung habe die Fenster aus eigener Initiative verdeckt. „Kunst sollte frei zugänglich sein, besonders in einem öffentlichen Umfeld wie einem Schwimmbad“, sagt er. „Kunst sollte eine Wirkung und gesellschaftliche Relevanz haben.“
Wendland selbst findet sein kritisiertes Gemälde harmlos. „Die Hintern, die Hodler in ,Die Nacht‘ gemalt hat, sind viel expliziter. Daran stört sich niemand.“ Er empfindet die Verdeckung des Ausstellungsraums als Affront. Er hat die Stadt gebeten, seine Bilder zurück nach Berlin zu schicken.
Die Bilder sind weiterhin ausgestellt. Und das Eingreifen hatte zumindest einen positiven Effekt, bemerkt Serfözö: Der verhüllte Ausstellungsraum zieht viele Besucher an. Nichts zieht die Menschen so an wie etwas Verborgenes.




