
Die Illusion der offenen Straße: Die Schweizer Sonntagsfahrt als Liebesgeschichte
Eine neue Ausstellung in Bern blickt zurück auf das goldene Zeitalter des Automobils und fängt sowohl den naiven Optimismus als auch den unvermeidlichen Stillstand der Mobilität der Mitte des Jahrhunderts ein.

Lange bevor das Automobil zu einem Objekt ökologischer Schuld und politischer Regulierung wurde, war es die ultimative bürgerliche Trophäe. Das ALPS Museum in Bern beleuchtet derzeit diese Ära der ungenierten Verbrennung mit einer Ausstellung, die der Sonntagsfahrt gewidmet ist. Die Schau deckt den Zeitraum zwischen den 1920er und 1980er Jahren ab und stützt sich auf private Amateurfilme, um eine Zeit zu rekonstruieren, in der das Befahren eines Berges als glamouröse Wochenendaktivität und nicht als logistischer Albtraum galt.
Besucher sitzen auf Vintage-VW-Bus-Bänken, um eine zwanzigminütige Zusammenstellung historischer Aufnahmen zu sehen. Der Bildschirm offenbart eine wohlhabende, etwas naive Schweiz, die die Freuden der Massenmobilität entdeckt. Familien posieren stolz neben frisch polierten Fiat 500s, VW Käfern und Opel Kapitäns. Da frühe Filmspulen kaum drei Minuten Aufnahmezeit zuließen, mussten diese Amateurregisseure sehr selektiv vorgehen. Sie erfassten nicht die banale Realität des Reisens, sondern stark kuratierte Höhepunkte.
Die daraus resultierende Ästhetik ist die eines reinen, unverfälschten Optimismus. Paare in ihren Flitterwochen und Familien, die Picknicks am Straßenrand genießen, stehen im Vordergrund. Die kulinarische Realität dieser Ausflüge – Koteletts und Erbsen aus der Dose, auf einem tragbaren Gasgrill erhitzt – verkörpert perfekt den bescheidenen Charme der Mittelschicht der Jahrhundertmitte. Die Natur selbst wurde weitgehend in den Hintergrund gedrängt. Wie die Ausstellung verdeutlicht, diente die freie Natur lediglich als malerische Tapete für den wahren Star der Show: das persönliche Automobil.
Ein besonderes Ausstellungsstück fängt die grenzüberschreitende Dynamik des frühen europäischen Tourismus ein. Eine einfache Dose Aromat-Gewürz steht auf einem Campingtisch und verweist auf eine hartnäckige Kleinverbrechenwelle im Restaurant am Gotthardpass. Laut Museumsdirektor Beat Hächler steckten niederländische Touristen auf dem Weg zu italienischen Campingplätzen das Schweizer Gewürz routinemäßig ein. Es ist eine charmante Anekdote aus einer Zeit, als internationale Reisen bescheidene Diebstähle und keine massive bürokratische Überwachung mit sich brachten.
Doch die Ausstellung romantisiert die Vergangenheit nicht vollständig. Das Versprechen der offenen Straße war immer schon etwas illusorisch. Das Museum zeigt Aufnahmen eines gewaltigen Staus aus dem Jahr 1962, der sich endlos von Airolo nach Ambrì-Piotta erstreckt. Der Stau der Vergangenheit sieht den qualvollen Warteschlangen, die die Gotthardroute an heutigen Feiertagswochenenden lahmlegen, verblüffend ähnlich. Der Traum von individueller Freiheit auf vier Rädern führte unweigerlich zur kollektiven Realität einer zusammengebrochenen Verkehrsinfrastruktur.
Glücklicherweise haben die Kuratoren dem modernen Drang widerstanden, ihr Publikum zu belehren. Hächler verzichtet ausdrücklich darauf, einen moralisierenden Zeigefinger zu erheben. Er erkennt die schließliche Desillusionierung an, die mit der Massenmotorisierung verbunden ist, von der Kinderreiseübelkeit bis zum schieren überwältigenden Volumen des modernen Verkehrs. Der Museumsdirektor bemerkt, dass die Ausstellung die unaufhörliche Fröhlichkeit des historischen Filmmaterials bewusst bewahrt und dem Publikum zutraut, den aktuellen Zustand der Mobilität eigenständig zu beurteilen. Es ist ein erfrischend subtiler Ansatz für eine kulturelle Institution, der es der Öffentlichkeit ermöglicht, unabhängige Schlussfolgerungen über den Preis des Fortschritts zu ziehen.
Geschrieben von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com




