
Oltens historisches Bahnhofbuffet bereitet sich auf die Wiedereröffnung vor
Können lokale Gastronomie und Nostalgie das Zeitalter des hocheffizienten Pendelns überleben?
Von Martina Kirchner

Nur wenige Orte verkörpern das Paradox der modernen Schweiz so sehr wie der Eisenbahnknotenpunkt Olten. Es ist ein Ort, den fast jeder durchquert, selten freiwillig, und der sich genau am geografischen Schnittpunkt des nationalen Schienennetzes befindet. Fast zwei Jahre lang stand jedoch sein ikonischstes Lokal hinter Gerüsten. Das legendäre Bahnhofbuffet Olten, gegründet 1856, bereitet sich nach einer umfassenden Renovierung auf seine Wiedereröffnung vor. Angesichts der unerbittlich minutengenauen Fahrpläne und der Forderung der Pendler nach sofortiger Befriedigung erscheint es herrlich anachronistisch, zwei Jahre für die Renovierung eines ausgedehnten Bahnhofrestaurants aufzuwenden.
Doch Oltens Buffet war nie nur ein Ort, um schnell einen Espresso zwischen den Anschlüssen zu trinken. Historisch gesehen fungierte es als inoffizielles Wohnzimmer der Nation. Eingebettet zwischen den Gleisen vier und sieben, prägten Politiker, Gewerkschaftsführer und Schriftsteller die moderne Schweizer Gesellschaft bei Wein und Zigarren. Der Schweizer Alpen-Club wurde hier 1863 gegründet, gefolgt vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund 1880, der Freisinnig-Demokratischen Partei 1894 und dem Schweizerischen Fussballverband 1895. Literaten wie Max Frisch und Peter Bichsel frequentierten regelmässig seine Tische. Aufgeteilt in erstklassige Speisesäle, Zweite-Klasse-Räume und Express-Buffets, bediente es jede Stufe einer akribischen Gesellschaftsordnung.
Der Niedergang der grossen Bahnhofsrestaurants in ganz Europa war so vorhersehbar wie deprimierend. Ab den 1970er Jahren verdrängten Fast-Food-Ketten und Convenience-Kioske die traditionelle Gastronomie systematisch. Olten überlebte länger als die meisten, geriet aber schliesslich unter die standardisierte Konzernverpflegung der italienischen Kette Autogrill. Nun kehrt der Betrieb in regionale Hände zurück. Der lokale Betreiber Great Moments Gastro GmbH, geleitet von Beat Thommen und Tom Scheidegger, hat den Pachtvertrag übernommen. Teilweise inspiriert vom Erbe der legendären Schweizer Kochpersönlichkeit Eugen Pauli – der einst das Buffet führte – setzen die neuen Betreiber darauf, dass Tradition, gepaart mit sechs modernen Seminarräumen für bis zu hundert Gäste, immer noch profitabel sein kann.
Mitinhaber Beat Thommen betonte, dass das Bahnhofbuffet eine Seele haben muss, um Fahrgäste zum Verweilen zu ermutigen, anstatt zum nächsten Abfahrtstermin zu eilen. Ob moderne Bahnreisende davon überzeugt werden können, einen Zug absichtlich zu verpassen, nur um eine Mahlzeit zu geniessen, bleibt fraglich. Die Schweizer Wirtschaft lebt von reibungsloser Effizienz, was wenig Geduld für das Verweilen zwischen den Bahnsteigen lässt. Dennoch ist der Ersatz einer generischen globalisierten Gastronomie durch lokalen Unternehmergeist eine willkommene Korrektur. Oltens Buffet mag nicht länger die Gründung wichtiger staatlicher Institutionen beherbergen, aber in einem Land, das Bequemlichkeit oft mit Fortschritt verwechselt, ist die Bewahrung eines Ortes mit echter Geschichte ein kalkuliertes, erfrischendes Risiko.
Verfasst von Sandy van Dongen sandy.vandongen@alpineweekly.com
Neueste Nachrichten





