Bricht das westliche Bündnis auseinander?

Wachsende Risse zwischen den USA und Europa lassen Zweifel an der Zukunft einer Partnerschaft aufkommen, die die Nachkriegswelt prägte.

Ursula von der Leyen and Donald Trump shake hands, seated with American flags behind them.

Jahrzehntelang bildete das Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa das Rückgrat der globalen Ordnung. Vereint durch ein gemeinsames Engagement für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit trug die transatlantische Partnerschaft dazu bei, große Kriege zu verhindern, den Kommunismus zu besiegen und nach dem Zweiten Weltkrieg ein beispielloses Wirtschaftswachstum zu untermauern. Heute stellen europäische Staats- und Regierungschefs jedoch offen in Frage, ob diese Ära zu Ende geht.

„Was wir einst den normativen Westen nannten, existiert nicht mehr“, sagte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich und forderte die Europäer auf, die Nostalgie für ein Amerika aufzugeben, das den Kontinent nicht mehr als zentralen Partner betrachtet. Laut Merz verfolgt Washington seine Interessen jetzt „sehr, sehr aggressiv“ – und Europa muss lernen, dasselbe zu tun.

Eine Abkühlung über dem Atlantik

Die Beziehungen zwischen den USA und Europa haben sich unter der derzeitigen amerikanischen Regierung stetig verschlechtert. Europäische Beamte sagen, Washington behandle den Kontinent zunehmend mit Misstrauen und verwende manchmal schärfere Rhetorik gegenüber EU-Demokratien als gegenüber Rivalen wie Russland oder China. Dieser Wandel ist teilweise auf einen Wertekonflikt zurückzuführen.

Viele in der US-Regierung werfen Europa vor, die westliche Zivilisation durch Einwanderung, Diversitätspolitik und Einschränkungen der Meinungsfreiheit zu untergraben. Europäische Staats- und Regierungschefs weisen diese Behauptungen zurück und weisen darauf hin, dass viele EU-Länder bei Demokratie-Rankings mittlerweile höhere Werte erzielen als die USA. Sie argumentieren auch, dass Washington selbst westliche Prinzipien aufgibt, indem es autoritäre Führer umwirbt und Gebietsansprüche gegenüber Verbündeten wie Kanada und Dänemark erhebt.

Die Spannungen haben sich nicht nur aufgrund der Rhetorik, sondern auch aufgrund konkreter politischer Entscheidungen verschärft. Das Streben der USA nach einer geopolitischen Einigung mit Moskau, der Druck auf die Ukraine, territoriale Zugeständnisse zu akzeptieren, und ein in Europa als Russland begünstigend empfundener Friedensplan haben die Befürchtungen geschürt, dass Washington die europäischen Sicherheitsbedenken in den Hintergrund drängt.

„Dass die USA ihr Bündnis mit Europa aufgeben und sich auf die Seite Russlands, mit Putin dem Aggressor, stellen, stellt einen fundamentalen Bruch in den europäisch-amerikanischen Beziehungen dar“, sagte Norbert Röttgen, ein führender deutscher Politiker. Der französische Senator Claude Malhuret warnte, dass Europa nun vor der Aussicht stehe, allein dazustehen – oder sowohl Russland als auch den „Trumpismus“ zu konfrontieren.

Politische Signale verhärten die Wahrnehmung

Das Gefühl des Bruchs verstärkte sich, nachdem Vizepräsident JD Vance europäische Verbündete offen angegriffen hatte, gefolgt von neuen Zöllen auf europäische Waren. Die Veröffentlichung der neuesten US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie alarmierte die europäischen Hauptstädte zusätzlich. Das Dokument kritisierte die EU-Länder wegen Einwanderungs- und Demokratie-Standards, stellte die Frage, ob zunehmend diverse Gesellschaften „zuverlässige Verbündete“ bleiben könnten, und bezeichnete die Europäische Union als Bedrohung der nationalen Souveränität.

Historiker und Analysten bezeichneten die Strategie als Kriegserklärung an die EU. Sie signalisierte auch die Bereitschaft der USA, einwanderungsfeindliche Parteien in Europa zu unterstützen, von denen einige Brüssel gegenüber feindseliger eingestellt sind als Moskau.

Was bedeutet „der Westen“ heute?

Wissenschaftler argumentieren, dass sich die Idee des „Westens“ stets weiterentwickelt hat. Georgios Varouxakis, Autor von The West: The History of an Idea, stellt fest, dass die Definition westlicher Identität durch Rasse oder Religion nicht mehr tragfähig ist. Im Laufe der Zeit kam das Konzept dazu, gemeinsame Institutionen, demokratische Regierungsführung und individuelle Freiheiten zu bedeuten – Werte, die Einwanderer und Minderheiten mitgestaltet und verteidigt haben.

Viele Europäer glauben, dass die USA ihre internen Kulturkriege auf Europa projizieren, während andere Washingtons Kritik an Europas schwachem Wachstum, starker Regulierung und Abhängigkeit von US-Sicherheitsgarantien anerkennen. Dennoch warnen sie davor, dass eine anhaltende Abhängigkeit Europa zu einem untergeordneten Partner machen könnte.

„Es fühlt sich an, als ob die transatlantische Beziehung als wertebasierte Partnerschaft auf dem Sterbebett liegt“, sagte Laurel Rapp von Chatham House. Ihrer Ansicht nach muss Europa nun ein neues Abkommen mit Washington aushandeln – eines, das weniger auf gemeinsamen Idealen und mehr auf Transaktionen, Handel und strategische Interessen ausgerichtet ist.

Eine unsichere Zukunft

Trotz der Spannungen hat die transatlantische Beziehung immer noch Verteidiger auf beiden Seiten. Kulturelle Bindungen, gemeinsame Geschichten und demokratische Traditionen verbinden Amerikaner und Europäer weiterhin. Ein zukünftiger Wechsel in der US-Führung könnte den Ton mildern, auch wenn die Beziehung nie ganz zu ihrer Nachkriegsform zurückkehren wird.

Doch für viele in Europa hat sich etwas Grundlegendes verschoben. Wie es der Historiker Timothy Garton Ash formulierte: „Wir werden dieses Vertrauen nie wieder haben, dass die Vereinigten Staaten auf unserer Seite sind.“ Ob der Westen sich neu definieren kann – oder ob er weiterhin fragmentiert – könnte eine der entscheidenden geopolitischen Fragen des kommenden Jahrzehnts sein.

© The Alpine Weekly Newspaper Limited 2026