
Deutschland rüstet sich für den falschen Krieg
Hunderte Milliarden fließen ins Militär. Doch die Regierung Merz kauft immer noch Panzer, als wäre es 1985.

Staubwolken hängen über der Lüneburger Heide. Panzerspuren durchfurchen den Boden. Leopard-2-Panzer preschen vorwärts und feuern ihre Kanonen ab. Eine Drohne fliegt über ihnen. Gepanzerte und unbemannte Fahrzeuge rollen über das Gelände. Soldaten bewegen sich zwischen ihnen. Das Dröhnen der Schüsse übertönt den Lärm der Hubschrauber.
So, sagt die deutsche Armee, wird sie in Zukunft kämpfen.
Der Chef des Heeres, General Christian Freuding, beschrieb im Mai auf einem Truppenübungsplatz in Munster eine Kombination aus neuen und bewährten Systemen, unbemannt und bemannt, eine neue Art des Gefechts der verbundenen Waffen. Die gesamte Vorführung von Stahl auf Ketten und Rädern ist sicherlich beeindruckend. Doch abgesehen von Drohnen und Robotern ist nichts wirklich neu. Die Demonstration hieß „Wie das Heer kämpfen wird.“ Wie genau es kämpfen wird, wird auf der Website und den Social-Media-Seiten der Bundeswehr beschrieben und von Beamten des Verteidigungsministeriums wiederholt: vernetzt, schnell, datengesteuert. Die Realität erzählt jedoch eine andere Geschichte.
Wenige Wochen zuvor zeigte sich das wahre Bild. Wieder einmal mussten Beamte des Ministeriums den Bundestag über ein Projekt informieren, das erhebliche Frustration und Unverständnis hervorgerufen hat, bis hin zum Verteidigungsminister. Das Projekt heißt „Digitalisierung landbasierter Operationen“ (D-LBO). Sein Ziel ist nichts Geringeres als die umfassende Digitalisierung der Armee: Vernetzung von Einheiten, Sprach- und Bordfunk für Soldaten und Fahrzeuge, Datenübertragung, Satellitenverbindungen und verschlüsseltes, sicheres Internet. Die Industrie arbeitet seit Jahren daran.
Doch immer wieder mussten die beteiligten Unternehmen die Bundeswehr um mehr Zeit bitten, um die technischen Probleme in den Griff zu bekommen. Gerüchte über die Einstellung des Projekts tauchten wiederholt auf. Sein geschätztes Volumen liegt zwischen 12 und 15 Milliarden Euro. Derweil kommuniziert die Bundeswehr teilweise noch mit Funkgeräten aus den 1980er Jahren.
Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit bleibt groß. Vier Jahre nach Russlands Invasion in der Ukraine und ein Jahr nach Beginn der Regierung Friedrich Merz ist das deutsche Militär noch weit entfernt vom Ziel, die „stärkste konventionelle Armee Europas“ zu werden – eine Formulierung, die sowohl der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz als auch sein Nachfolger Merz verwendeten. Die Frage ist, ob überhaupt der richtige Kurs eingeschlagen wurde.
Positiv ist, dass die Regierung Merz in kurzer Zeit mehr strategische Grundlagenarbeit geleistet hat als jede ihrer Vorgängerinnen. Dazu gehören eine Militärstrategie, eine Verteidigungsindustriestrategie und eine Reservestrategie. Doch Strategien und Konzepte machen keine kampffähige Armee, egal wie groß der Militärhaushalt ist. Die Frage ist, was daraus folgt.
Die schiere Zahl der vom Bundestag genehmigten Millionen- und Milliarden-Euro-Beschaffungsprojekte lässt vermuten, dass Deutschland auf dem richtigen Weg ist. Panzer, Artillerie, Munition, Luftverteidigungssysteme, Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge, Hubschrauber, KI-Drohnen – selbst erfahrene Haushaltsexperten verlieren den Überblick. Seit den 1950er Jahren, als Westdeutschland seine Armee von Grund auf neu aufbaute, gab es in so kurzer Zeit nicht so viele Beschaffungsprojekte. Viele Entscheidungen sind richtig. Die Stärkung der Luftverteidigung durch Systeme wie Arrow und Iris-T ist eine direkte Antwort auf die Bedrohung durch russische Raketen und Drohnen. Artillerie ist, wie in der Ukraine zu sehen, wieder zu einem zentralen Instrument der Kriegsführung geworden. Deutschland beschafft neue Haubitzen und Munition. Und mit Investitionen in Satelliten und digitale Systeme reagiert das Land darauf, dass moderne Kriegsführung von Informationen und Vernetzung abhängt.
Doch diese Antworten bleiben unvollständig. Und das liegt größtenteils an der deutschen Aufrüstungslogik.
Große Teile der deutschen Militärbeschaffung, insbesondere die teuren Teile, folgen immer noch dem Muster klassischer Plattformen: Panzer, Kampfflugzeuge, Fregatten. Diese Systeme haben ihre militärische Berechtigung. Aber sie stellen ein Modell dar, das auf langen Entwicklungszyklen, hohen Kosten und begrenzten Stückzahlen basiert. Es ist die Logik des industriellen Militärs des späten 20. Jahrhunderts, wie das Institut für Weltwirtschaft in Kiel kürzlich bestätigte. Ein Beispiel ist der Kampfpanzer Leopard 2A8, eine Weiterentwicklung früherer Versionen. Der Beschaffungsvertrag wurde 2023 unterzeichnet. Die erste öffentliche Präsentation fand im November 2024 in München statt. Die Bundeswehr hat bisher 123 Einheiten zu einem Preis von jeweils 25 bis 30 Millionen Euro bestellt. Die vollständige Einführung wird bis zu sieben Jahre dauern.
Angesichts des Beschaffungstempos der vergangenen Jahre ist das schnell. Dennoch kollidieren die Mengen, die Beschaffungszeit und die Kosten mit der heutigen Realität – und möglicherweise der morgigen. Krieg, wie in der Ukraine und auch im Iran gezeigt, ist zu einem industriellen Wettkampf geworden: Wer schneller und billiger produziert, repariert und ersetzt, gewinnt den Vorteil.
Wie soll die Produktion beschleunigt werden, wenn die Industrie ihre Kapazitäten nicht ausbaut? Wie sollen materielle Verluste sofort ersetzt werden, wenn die Bundeswehr keine Reserven bilden kann? Noch gibt es keine Antworten.
Die Logik eines Krieges gegen einen Gegner nach russischem Muster lässt sich in vier Punkten zusammenfassen. Erstens, Masse zählt – nicht wenige hochkomplexe Systeme, sondern große Mengen einfacherer: Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Luft-, Land-, Oberflächen- und Unterwasserdrohnen, Munition und Sensoren. Zweitens, Geschwindigkeit zählt – Waffensysteme müssen schnell entwickelt, angepasst und eingesetzt werden. Drittens, Vernetzung wird zur zentralen Fähigkeit – die Integration von Sensoren, Effektoren und Führungssystemen schafft am besten einen entscheidenden Vorteil. Viertens, unbemannte und KI-gestützte Systeme prägen den Kampf zunehmend in allen Dimensionen: Land, Luft, See, Weltraum.
Daran gemessen bleibt die deutsche Aufrüstung Stückwerk. Verteidigungsunternehmen berücksichtigen Drohnen und KI zwar in ihren Planungen, doch klassische Systeme dominieren weiterhin die Beschaffung. Die Beschaffungsstrategie der Bundeswehr hinkt den Entwicklungen in Militärtechnologie und Kampf hinterher.
Auch strategische Lücken bleiben bestehen. Diese zeigten sich erneut, als US-Präsident Donald Trump ankündigte, vorerst keine weitreichenden Waffen in Deutschland zu stationieren. Die europäische Industrie arbeitet an eigenen Systemen, doch die Entwicklung braucht Zeit und die Produktionskapazitäten sind begrenzt. Personal ist ein weiteres Problem. Die Führung der Bundeswehr strebt langfristig eine Stärke von rund 460.000 Soldaten und Reservisten an. Gleichzeitig setzt Deutschland auf den freiwilligen Militärdienst und hat die Wiedereinführung der Wehrpflicht ausgeschlossen. Militärische Masse ohne die politischen und sozialen Folgen – viele Experten aus Wissenschaft, Militär und Politik halten dies für einen Fehler.
Die Logik der Friedenszeit dominiert immer noch die Politik. Die Regierung scheut harte Entscheidungen, sei es bei der Einführung der Wehrpflicht oder der Umverteilung von Ressourcen. Wenn das Land wirklich so von Russland bedroht ist, wie Berlin seit vier Jahren sagt, dann sollte die Aufrüstung aus dem Bundeshaushalt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe finanziert werden – auf Kosten, sagen wir, der Sozialausgaben. Stattdessen nimmt die Regierung Hunderte Milliarden Schulden auf und verschiebt die Kosten auf zukünftige Generationen. Deutschland folgt damit einem Irrweg, der vielen westlichen Gesellschaften gemein ist: Sicherheit, ja, aber bitte nicht auf Kosten des Sozialstaats. Kanonen oder Butter? Die schwarz-rote Koalitionsregierung versucht, die Frage zu umgehen.
Ein Jahr nach dem Amtsantritt von Friedrich Merz hat die Bundesregierung begonnen, die Bundeswehr strategisch neu auszurichten und Schlüsselkapazitäten wieder aufzubauen. Doch bislang modernisiert sie das Militär für einen Krieg, den sie kennt – nicht für den Krieg, der wahrscheinlich kommen wird. Eine echte militärische Zeitenwende ist noch nicht in Sicht.
Geschrieben von Andreas Hofer
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