
Schweizer Staatsbetriebe werden mit Bewerbungen überschwemmt, während die Wirtschaft abkühlt
Während die wirtschaftliche Unsicherheit zunimmt und die Einstellung im Privatsektor sich verlangsamt, entwickeln sich die Schweizer Bundesverwaltung und die Staatsbetriebe zu sicheren Häfen für Arbeitssuchende.

Die jüngste Konjunkturabschwächung in der Schweiz verändert den Arbeitsmarkt, und nirgendwo ist dieser Wandel sichtbarer als bei den Bewerbungen bei Staatsbetrieben und der Bundesverwaltung. Arbeitgeber wie die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), Swisscom, die Schweizer Post und Bundesämter melden einen starken Anstieg der Bewerbungen, obwohl sie weniger Stellen ausschreiben als in den Vorjahren.
Nach Jahren, die von Gesprächen über Arbeitskräftemangel im Gesundheitswesen, Gastgewerbe, Baugewerbe und in der Industrie geprägt waren, hat sich die Stimmung geändert. Die Einstellung ist abgekühlt, die Schaffung von Arbeitsplätzen hat sich verlangsamt, und die Arbeitslosigkeit steigt. Bis Ende November 2025 zählte die Schweiz fast 139.000 Arbeitslose – der höchste Stand seit dem Pandemie-Jahr 2021.
Öffentlicher Sektor als «sicherer Hafen» betrachtet
Angesichts weniger offener Stellen im Privatsektor wenden sich Arbeitssuchende zunehmend Arbeitgebern zu, deren Personalbestand weniger empfindlich auf Konjunkturzyklen reagiert. Allein bei der SBB gingen bis Mitte Dezember rund 125.000 Bewerbungen ein – etwa 20.000 mehr als in einem typischen Jahr –, obwohl weniger Stellen ausgeschrieben wurden.
Laut dem Leiter des SBB-Personalwesens ist die Erklärung einfach: In unsicheren Zeiten gelten Staatsbetriebe als stabil und zuverlässig. Wenn die Wirtschaft boomt, locken private Unternehmen oft Talente mit höheren Löhnen oder flexibleren Arbeitsbedingungen an. In Abschwungphasen wird jedoch die Arbeitsplatzsicherheit zur Priorität.
Ähnliche Trends sind bei Swisscom und der Schweizer Post zu beobachten. Die Post meldet, dass die durchschnittliche Anzahl der Bewerbungen pro ausgeschriebener Stelle von 16 im Jahr 2022 auf 29 im Jahr 2025 gestiegen ist.
Interessanterweise verteilt sich der Anstieg nicht gleichmässig auf alle Positionen. Während die Bewerbungen für Logistik- und Transportberufe weitgehend stabil geblieben sind, hat sich der Wettbewerb um Stellen in Marketing, Kommunikation, Finanzen, Personalwesen und IT stark verschärft.
Das Eidgenössische Personalamt, das über 40.000 Mitarbeiter beschäftigt, meldet ebenfalls einen deutlichen Anstieg der Bewerbungen – insbesondere für IT-, Verwaltungs- und Rechtsberufe. Beamte führen den Trend hauptsächlich auf die allgemeinere wirtschaftliche Unsicherheit zurück und nicht auf eine plötzliche Änderung der Einstellung zum öffentlichen Dienst.
Arbeitsmarktforscher warnen davor, zu einfache Schlussfolgerungen zu ziehen. Wenn weniger Arbeitsplätze verfügbar sind und mehr Menschen suchen, ist es statistisch unvermeidlich, dass jede freie Stelle mehr Bewerber anzieht – unabhängig vom Arbeitgebertyp.
Ökonomen stellen fest, dass es begrenzte empirische Belege für eine langfristige Verschiebung der Arbeitnehmerpräferenzen hin zur Arbeitsplatzsicherheit gibt. Dennoch räumen sie ein, dass es plausibel ist, dass in schwächeren Arbeitsmärkten Stabilität in Karriereentscheidungen stärker ins Gewicht fällt als in Boomzeiten.
Gleichzeitig argumentieren Kritiker, dass der öffentliche und staatsnahe Sektor in den letzten zehn Jahren schneller gewachsen ist als die Privatwirtschaft. Wirtschaftsverbände warnen davor, dass höhere Löhne und Arbeitsplatzsicherheit im öffentlichen Sektor Fachkräfte von kleinen und mittleren Unternehmen abziehen könnten.
Staatsbetriebe weisen die Kritik zurück und verweisen auf Investitionen in moderne Rekrutierungstools und Employer Branding. Einige haben die Zugangshürden gesenkt, indem sie Bewerbungsprozesse vereinfacht oder mobile Bewerbungen ermöglicht haben.
Andere sehen in einem tieferen Sinn der Arbeit eine Hauptattraktion. Die Arbeit für nationale Infrastrukturanbieter oder öffentliche Dienste bietet eine klare gesellschaftliche Mission – etwas, das bei vielen Bewerbern Anklang findet.
Doch die Flut an Bewerbungen bedeutet nicht, dass alle Kandidaten geeignet sind. Für operative Rollen wie Lokführer erfüllt typischerweise nur ein kleiner Bruchteil der Bewerber die strengen Anforderungen an Sicherheit, Sprachkenntnisse, Standort und die Bereitschaft, Schicht- und Nachtarbeit zu leisten.
Während die Schweiz eine schwächere Wirtschaftsphase durchläuft, verstärkt sich der Wettbewerb um stabile Arbeitsplätze – und staatliche Arbeitgeber stehen zunehmend im Mittelpunkt dieses Wandels.
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