Der Vorort, der Rasenmäher gegen Eidechsen tauschte

Im wohlhabenden Küsnacht beweisen Mieter, dass urbane Biodiversität am besten funktioniert, wenn sie Geld spart.

The Suburb That Traded Lawnmowers for Lizards

Der gepflegte Schweizer Rasen diente lange Zeit als stilles Monument ziviler Ordnung, vorstädtischer Ruhe und aggressivem Wochenendmähen. Doch in Küsnacht, einer wohlhabenden Gemeinde am Zürichsee, beschloss eine Gruppe von Mietern, die Dinge sich selbst zu überlassen – streng aus ökologischem und finanziellem Gewinn. Unter einem scheinbar unordentlichen Haufen aus trockenen Ästen, Erde und Gartenabfällen lugt gelegentlich eine grüne Eidechse hervor. Ob es sich um eine gewöhnliche Mauereidechse oder eine seltenere Zauneidechse handelt, bleibt eine Frage der Hoffnung für die Bewohner, doch die eigentliche Offenbarung liegt darin, was dieser Haufen repräsentiert: eine Verschiebung in der urbanen Landschaftsgestaltung, wo Unordnung doppelt als Effizienz zählt.

Die Initiative wurde vom Anwohner Peter Schiffhauer ins Leben gerufen und von Annekäthi Frei, einer Tierärztin, die das Igelzentrum Zürich mitbetreibt, unterstützt. Was als informeller Vorschlag begann, fand schnell den Konsens aller Mieter im Gebäude. Das Finanzmodell war gleichermaßen pragmatisch. Die Gemeinde gewährte einen finanziellen Beitrag, der Eigentümer übernahm die restliche Rechnung, und die Mieter leisteten die Handarbeit, beschafften Materialien und eigneten sich das notwendige ökologische Know-how selbst an.

Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Refugium: Steinhaufen, Sandgruben für Reptilieneier, ein Wildblumenstreifen und ein bescheidener Teich, der alle zwei Wochen nachgefüllt werden muss, um invasive Tigermücken fernzuhalten. Sogar ein abgestorbener Baumstamm durfte in Ruhe verrotten. Doch diese Umgestaltung ist nicht nur ein Hobby für Vorstadt-Naturliebhaber. Daniel Baur, Professor für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung an der Berner Fachhochschule, weist darauf hin, dass verbundene Wohnflächen um Mehrfamilienhäuser ein riesiges, ungenutztes ökologisches Potenzial bergen. Noch überzeugender für Unternehmens-Immobilienverwalter zeigte seine Forschung zusammen mit Immobilienfirmen, dass eine Abkehr von der traditionellen Landschaftsgestaltung – hauptsächlich die Eliminierung des unerbittlichen Rasenmähens – Unternehmen rund 4,3 Millionen Franken an reduzierten Unterhaltskosten einsparen könnte.

Natürlich erfordert der Übergang eine kulturelle Anpassung. Nachbarn, die an getrimmte Hecken gewöhnt waren, taten sich anfangs schwer mit dem Anblick von verrottendem Gartenabfall direkt neben einem Zier-Kirschlorbeer – einer invasiven Pflanze, deren Verkauf in der Schweiz inzwischen verboten ist. Ökologischer Wert, so zeigt sich, stimmt selten mit den visuellen Standards des konventionellen Schweizer Vororts überein.

Reinheit hat jedoch ihre Grenzen. Um sicherzustellen, dass alle im Reinen blieben, behielt der Küsnachter Garten einen Sitzbereich mit Grill, einen bescheidenen Streifen Rollrasen und sogar einen von einem Nachbarn gewünschten exotischen Olivenbaum. Das Erreichen von neunzig Prozent ökologischer Natürlichkeit unter Wahrung des Friedens spiegelt einen durch und durch schweizerischen Kompromiss wider: idealistisch in der Absicht, finanziell sinnvoll in der Praxis und selbst in seiner Wildheit sorgfältig kalkuliert.

Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com