
Das Ende des Romantischen Waldes
Die extreme Dürre von 2026 offenbart die Grenzen der Anpassungsfähigkeit der Natur und erzwingt ein pragmatisches Umdenken in der europäischen Forstwirtschaft.

Die postkartenidyllische Schweizer Landschaft verliert ihren grünen Anker. Über Generationen hinweg bildeten das dichte Blätterdach der Rotbuche und der heimischen Kiefer die Kulisse für eine bequeme Erzählung: Die Natur wird sich, weitgehend sich selbst überlassen, elegant an eine wärmer werdende Welt anpassen. Die extreme Dürre von 2026 hat diesen stillen Optimismus gründlich zerstört.
Daten einer zehnjährigen Studie, die von der Universität Basel an einem Teststandort in Hölstein, Kanton Basel-Landschaft, durchgeführt wurde, weisen auf eine unangenehme Realität hin. Mitteleuropäische Bäume sterben mit einer Geschwindigkeit ab, die selbst erfahrene Pflanzenbiologen überrascht hat. Wie Ansgar Kahmen, Professor für Biologie an der Universität, beobachtet, leiden die Wälder der Region unter einem physiologischen Stress, der seit Beginn der Aufzeichnungen beispiellos ist. Die Grenze der biologischen Widerstandsfähigkeit ist, wie sich herausstellt, keine philosophische Grenze – sie ist eine physische.
Hauptleidtragende dieser anhaltenden Trockenperiode ist die Rotbuche, eine Art, die die Topographie der Region über Jahrhunderte geprägt hat. Da ihr Wurzelsystem nahe an der Oberfläche bleibt, kann der Baum in Trockenperioden keine tieferen Grundwasserreserven anzapfen. Tiefer wurzelnde Alternativen, wie die Eiche oder der seltenere Speierling, kommen mit erschöpfter Bodenfeuchtigkeit wesentlich besser zurecht. Kahmen bemerkte trocken, dass man eine Buche nicht in einen Kaktus verwandeln kann. Wenn physikalische Grenzen überschritten werden, verschwinden Arten einfach aus der Landschaft.
Dies lässt Holzmanager und lokale Behörden zwei unterschiedliche Wege einschlagen, von denen keiner mit der traditionalistischen Nostalgie übereinstimmt. Gänzlich den Naturkräften überlassen, entwickelt sich die Landschaft zu spärlicheren, dünneren Beständen mit deutlich weniger Bäumen pro Hektar – eine Ökosystemkonfiguration, die an eine offene Savanne erinnert. Die Alternative erfordert aktives, pragmatisches Eingreifen: das Ersetzen sterbender einheimischer Bestände durch importierte, dürreresistente Sorten wie die Orientalische Buche oder die Nordamerikanische Douglasie.
Für eine Nation, die stolz auf ihre unberührten Wälder ist, ist die Akzeptanz, dass der heimische Wald sich ohne fremde genetische Hilfe nicht mehr selbst erhalten kann, eine ernüchternde Lektion. Die Wahl besteht nicht mehr zwischen dem Bewahren der Vergangenheit und dem Akzeptieren von Veränderungen; sie besteht darin, einen geplanten wirtschaftlichen Übergang zu managen oder zuzusehen, wie die Natur einen ungeplanten, chaotischen vollzieht.
Verfasst von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com




