
Der Alpenparkplatz: Die vorhersehbare Sommerlähmung der Schweiz
Eine elf Kilometer lange Warteschlange am Gotthardtunnel entlarvt die naive Transitpolitik einer reichen Nation.

Die jährliche Sommermigration quer durch Europa bringt ein höchst vorhersehbares Ritual mit sich. Autofahrer, die die mediterrane Sonne suchen, strömen unweigerlich in die unberührten Täler der Schweiz und verwandeln die gefeierte Infrastruktur des Landes in einen riesigen Alpenparkplatz. Die Schweizer, mit einer bemerkenswert gesunden Wirtschaft und einem hervorragenden Staatssystem ausgestattet, haben Weltklasse-Strassen gebaut. Doch sie erlauben dem Transitverkehr des Kontinents naiv, ihre wichtigste Nord-Süd-Arterie zu ersticken, ohne die Art von aggressiver Maut zu erheben, die ein wirklich rücksichtsloser Gatekeeper verlangen könnte. Sie profitieren immens davon, bequem ausserhalb der Europäischen Union zu sitzen, doch sie nehmen bereitwillig die physische Reibung ihrer Binnengrenzen auf sich.
Das jüngste Opfer dieser geografischen Realität ist die Autobahn A2. Bis Freitagmittag hatte sich zwischen Erstfeld und Göschenen im Kanton Uri eine elf Kilometer lange Schlange stehender Fahrzeuge gebildet. Autofahrer, die nach Süden zum Nordportal des Gotthard-Strassentunnels unterwegs waren, fanden sich in einem schleppenden Konvoi gefangen. Laut Verkehrsdaten von Viasuisse überforderte das schiere Volumen der Urlauber einfach den verfügbaren Asphalt. Die daraus resultierende Verzögerung dehnte sich auf quälende eine Stunde und fünfundvierzig Minuten aus und verwandelte den Beginn eines vermeintlichen Urlaubs in eine zermürbende Übung in Abgas-Ausdauer.
Die Behörden verweisen natürlich auf das übliche Entlastungsventil für diese Überlastung. Autofahrer werden dringend gebeten, die A2 komplett zu verlassen und auf die A13 auszuweichen, stattdessen den San-Bernardino-Tunnel zu nehmen. Diese Alternative ist ein bekannter Refrain für jeden, der mit den systemischen Engpässen des Schweizer Transits vertraut ist. Dem Süd-Ansturm zu entkommen, garantiert keinen freien Weg für diejenigen, die in die entgegengesetzte Richtung fahren. Die Fahrspuren in Richtung Norden sehen sich ihrer eigenen infrastrukturellen Überlastung gegenüber. Am Südportal des Gotthards zwang eine vier Kilometer lange Warteschlange zurückkehrende Reisende zu bis zu vierzig Minuten Wartezeit.
Es ist eine deutliche Ironie, dass eine wohlhabende Nation, bekannt für ihre akribische Planung und bescheidene Korruption, ihre Mobilität dem ausländischen Ferienverkehr überlässt. Die Schweiz unterhält ihre Strassen mit der Präzision, die man von einem reichen, unabhängigen Staat erwartet. Eine gewisse politische Feigheit hindert die herrschende Klasse jedoch daran, drastische Massnahmen zu ergreifen, um diese saisonale Invasion einzudämmen. Sie bleiben zu freundliche Gastgeber und absorbieren das logistische Alptraum des Gotthard-Nadelöhrs Jahr für Jahr. Die Abhängigkeit von einem einzigen Haupttunnel für den Grossteil des europäischen Nord-Süd-Transits bleibt eine eklatante Schwachstelle in einem ansonsten robusten nationalen Design. Solange sich dieser naive Ansatz nicht ändert, wird der sommerliche Verkehrsstau ein ebenso zuverlässiger Schweizer Export bleiben wie Luxusuhren oder Bankdienstleistungen.
Verfasst von Thomas Nussbaumer
Neueste Nachrichten





