
Luzerns 8,5 Millionen Franken teure Fussgänger-Utopie versinkt im Chaos
Eine kostspielige autofreie Neugestaltung der historischen Bahnhofstrasse lässt schnelle E-Bikes auf verwirrte Fussgänger prallen.

Die Luzerner Behörden investierten dreizehn Jahre und 8,5 Millionen Schweizer Franken, um die malerische Bahnhofstrasse in ein autofreies Stadtparadies zu verwandeln. Entlang der Reuss, vorbei an der historischen Jesuitenkirche, sollte die Strasse als ruhiger Begegnungsraum dienen, wo Fussgänger und Radfahrer friedlich den Raum teilen. Doch seit ihrer grossen Wiedereröffnung im Mai 2026 hat die Realität vor Ort eine vorhersehbare Lektion über die menschliche Natur erteilt.
Statt eines harmonischen Miteinanders ist die neu gepflasterte Promenade zu einem Schlachtfeld zwischen Fussgängern und Radfahrern geworden. Das Grossprojekt versiegelte Teile der Strasse nicht mehr, ersetzte Asphalt durch einen breiten Kiesstreifen, gepflanzte Bäume und einen nationalen Veloweg, der direkt durch die Mitte führt. Stadtplaner nahmen naiverweise an, dass Fussgänger gemütlich auf dem rauen Kies spazieren würden, während Radfahrer auf der verbleibenden Asphaltspur blieben.
Menschliche Vorlieben stellten diese Theorie schnell auf den Kopf. Fussgänger bevorzugen natürlich den glatten Asphalt gegenüber losem Kies. Währenddessen überschreiten schnelle E-Bikes häufig das Tempolimit von 20 km/h und schlängeln sich gefährlich durch Menschenmassen. Erschwerend kommt hinzu, dass abgestellte Fahrräder regelmässig die Kieswege verstopfen und noch mehr Fussgänger auf den gepflasterten Streifen drängen. Marktstände und lokale Besucher berichten nun täglich von Beinaheunfällen entlang dessen, was eigentlich ein entspannender Spazierweg am Wasser sein sollte.
Die öffentliche Empörung war schnell, füllte lokale Leserbriefspalten und zwang das Thema sowohl in den Stadt- als auch in den Kantonsrat. Luzerns Exekutivbeamte wurden von der schieren Menge der Beschwerden überrascht. Stadtrat Marco Baumann gab zu: Wir haben Feedback erwartet, waren aber überrascht, wie intensiv es war.
Nun sind die städtischen Administratoren wieder am Reissbrett. Sibylle Lehmann, Co-Leiterin Mobilität der Stadt, bemerkte, dass Fussgänger in dieser Begegnungszone zwar technisch Vortritt haben, die räumliche Orientierung aber verbessert werden müsse. Die Stadt plant, Fahrradparkplätze neu zu organisieren und Markierungen zu präzisieren, um anzuzeigen, wohin Radfahrer gehören. Ob zwölf Monate Gewöhnung – der offizielle Zeitrahmen der Stadt für die öffentliche Anpassung – einen grundlegenden Konstruktionsfehler beheben werden, bleibt eine offene Frage für Luzerns tiefe Taschen.
Verfasst von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com
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