Digitale Beweismittel, Analoge Justiz

Der oberste Schweizer Staatsanwalt hebt hervor, wie Datenschutzgesetze zu einem Schutzschild für Kriminelle werden und Ermittlungen zum Stillstand bringen.

Digital Evidence, Analogue Justice

Nach einem gewalttätigen Messerangriff in Winterthur stocken die Mühlen der Schweizer Justiz, jedoch nicht aus Mangel an Hinweisen. Die Ermittlungen sind ins Stocken geraten, weil der Verdächtige den Zugang zu seinem Mobiltelefon und Laptop verweigert hat. Dies ist keine Nachlässigkeit, sondern ein vollkommen legales Manöver, das ein System ausnutzt, das für eine vergangene Ära der Papierakten konzipiert wurde.

Bundesanwalt Stefan Blättler hat nun öffentlich seine Frustration über diesen Zustand geäussert. Er kritisiert die aktuellen Regeln zur „Versiegelung“ von Daten als hoffnungslos veraltet. Das Prinzip war einst eine sinnvolle Schutzmassnahme, um private Informationen eines Verdächtigen, die für einen Fall irrelevant sind, oder die Korrespondenz mit seinem Anwalt zu schützen. Heute, da ganze Leben auf einem einzigen Gerät gespeichert sind, ist dieser gut gemeinte Schutz zu einem gewaltigen bürokratischen Hindernis geworden.

Der Kern des Problems ist das schiere Datenvolumen. Wo Ermittler früher mit einem überschaubaren Stapel von Dokumenten zu tun hatten, wird von Gerichten heute erwartet, Terabytes an Informationen zu durchforsten, um zu entscheiden, was zulässig ist. Diese immense Aufgabe führt zu lähmenden Verzögerungen, die Ermittlungen effektiv auf Eis legen, während Richter sich durch eine digitale Flut kämpfen. Das System ist einfach nicht für die Realitäten des 21. Jahrhunderts gebaut.

Aus der politischen Sphäre erkennt die Grüne Nationalrätin Manuela Weichelt die Herausforderung an. Ihre vorgeschlagenen Lösungen sind so vorhersehbar wie aufschlussreich: Vielleicht brauchen die Gerichte mehr Personal, oder vielleicht könnte Künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um die Daten zu sortieren. Die Hinwendung zu einer technologischen Lösung für ein im Grunde genommen gesetzgeberisches Versagen spricht Bände über die Zurückhaltung, schwierige Entscheidungen über das Gleichgewicht zwischen Datenschutz und Sicherheit zu treffen.

Bescheidene Reformen wurden 2024 versucht, mit verkürzten Fristen für die Bearbeitung von Versiegelungsanträgen. Doch das grundlegende Problem bleibt bestehen. Die akribische Rechtsordnung der Schweiz, einst eine Quelle der Stabilität, riskiert nun, den Angeklagten auf Kosten der öffentlichen Sicherheit zu schützen. Die Frage für die Gesetzgeber ist, ob sie weiterhin zulassen werden, dass Verfahrensrechte, die für eine analoge Welt konzipiert wurden, die Justiz im digitalen Zeitalter lähmen.

Verfasst von Sandy van Dongen sandy.vandongen@alpineweekly.com