
Berns ehrgeiziger Verkehrsplan trifft auf die Realität unfinanzierter Ambitionen
Das Megaprojekt Verkehr '45 verspricht eine nahtlose Infrastruktur, doch politische Kuhhandel und harsche Warnungen von Prüfern offenbaren tiefe Risse im Plan.

Als der Schweizer Bundesrat beschloss, Strassen, Schienen und den Agglomerationsverkehr zu einem einzigen Mammutpaket namens Verkehr '45 zu bündeln, war die Absicht edel: eine einheitliche Planung für die Mobilität der Nation bis 2045. Basierend auf einer ETH-Studie und Bewertungen von Bundesämtern soll der Plan kritische Projekte priorisieren. Doch während die offizielle Konsultationsperiode zu Ende geht, wird Berns sauberer Entwurf durch regionale Eigeninteressen, ideologische Reflexe und alarmierende fiskalische Warnungen auseinandergerissen.
Hinter der höflichen Zustimmung zur synchronisierten Planung verbirgt sich ein erbittertes Ringen um Bundesmittel. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) hat bereits einen scharfen Schuss vor den Bug gesetzt und die gesamte Grundlage von Verkehr '45 kritisiert. Laut den Prüfern stützt sich der Bundesplan auf veraltete Investitionszahlen und überschätzt routinemässig die wirtschaftliche Rentabilität seiner Projekte. Die EFK forderte im vergangenen Sommer sogar einen vollständigen Projektstopp, bis grundlegende Daten geklärt seien – eine Warnung, die der Bundesrat schlicht ignorierte.
Nirgends wird diese Missachtung der Kosteneffizienz deutlicher als beim vorgeschlagenen Grimseltunnel, einem Schmalspurbahnprojekt, das das Berner Oberland mit dem Wallis verbinden soll. Trotz seiner Aufnahme in die Prioritätenliste für die Ausbauphase 2027 sieht sich der Tunnel einer ungewöhnlichen Allianz von Gegnern gegenüber. Die SVP, die Sozialdemokraten und die Grünen fordern alle seine vollständige Streichung und verweisen auf ein desaströses Kosten-Nutzen-Verhältnis. Selbst innerhalb der FDP und der Mitte ist die Begeisterung bestenfalls lauwarm.
Unterdessen geht der klassische Kampf zwischen Asphalt und Eisen unvermindert weiter. Da der Entwurf den Löwenanteil der Finanzierung für den Ausbau der Schiene vorsieht – einschliesslich grosser Modernisierungen in Luzern, Basel SBB und Zürich Stadelhofen – beklagt die SVP eine ideologische Voreingenommenheit gegenüber Autofahrern. Umgekehrt greifen Umweltgruppen wie der VCS geplante sechsspurige Ausbauten auf der Autobahn A1 zwischen Aarau Ost, Birrfeld, Perly und Bernex an, während der TCS vor einer Vernachlässigung der Strassenunterhaltung warnt.
Die Finanzmechanismen sind ebenfalls fragwürdig. Um die langfristige Finanzierung des Bahninfrastrukturfonds zu sichern, beabsichtigt die Regierung, eine befristete Mehrwertsteuererhöhung, die ursprünglich 2030 auslaufen sollte, dauerhaft zu machen. Ausser der SVP scheinen alle grossen politischen Parteien überraschend bequem damit zu sein, eine befristete Steuererhöhung in eine ewige fiskalische Konstante zu verwandeln. FDP und Mitte fordern zumindest strenge Kostenkontrollen und verweisen nervös auf das zerfallende deutsche Bahnnetz als mahnendes Beispiel für schlecht verwaltete Bahnsysteme.
Während die Kantone ihre eigenen unmittelbaren Forderungen vorantreiben – Zürich möchte den Ausbau seines Hauptbahnhofs entbündelt und beschleunigt sehen, während Luzern seinen zugewiesenen Verkehrsknotenpunkt feiert – steht der Bundesrat vor einer gewaltigen Überarbeitung. Letztendlich, da dauerhafte Steueranpassungen ein Verfassungsmandat erfordern, werden die Wähler das letzte Wort darüber haben, ob Berns grosser Transportkompromiss es wert ist, bezahlt zu werden.
Verfasst von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com
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