Die Schweiz lädt still und leise das amerikanische Klima-Erbe herunter

Aus Furcht vor politischer Volatilität in Washington hortet die ETH Zürich 140 Petabyte an US-Umweltdaten in einem Schweizer Supercomputer-Tresor.

Switzerland Quietly Downloads the American Climate Legacy

Lugano ist normalerweise für sein mildes Klima und diskretes Bankwesen bekannt, doch in jüngster Zeit ist es zum Tresor für eine andere Art von Vermögenswerten geworden. Forschende der ETH Zürich haben still und leise einhundert Petabyte an Klima- und Erdbeobachtungsdaten von NASA-Servern an das Schweizerische Nationale Supercomputing-Zentrum übertragen. Um diesen digitalen Hort in Relation zu setzen: Das Archiv entspricht ungefähr zwanzig Millionen Spielfilmen. Es umfasst ein halbes Jahrhundert akribischer amerikanischer Datenerfassung zu Treibhausgasen, Wolkenformationen und schrumpfenden Eisschilden.

Die offizielle Begründung für diese transatlantische Datenmigration ist der technologische Fortschritt. Das schweizerische Bundesinstitut möchte diesen umfangreichen historischen Datenbestand in seine Modelle für künstliche Intelligenz einspeisen. Thomas Zurbuchen, der ehemalige NASA-Wissenschaftsdirektor, der jetzt an der ETH Zürich lehrt, hat die Initiative ins Leben gerufen. Ziel ist es, hochpräzise Vorhersagen für Wetterlagen und Naturgefahren zu erstellen. Für eine reiche Berg-Nation, die natürlicherweise von der Vorhersage von Gletscherstürzen und Erdrutschen besessen ist, ist die Beschaffung des bestmöglichen Rohmaterials wirtschaftlich absolut sinnvoll.

Das Speichern und Verarbeiten solch immenser Datenmengen erfordert eine Infrastruktur, die nur wenige Länder beiläufig bereitstellen können. Die Schweiz hat, natürlich, genau das gebaut. Die Daten befinden sich nun neben dem Alps-Supercomputer in Lugano. Laut Thomas Schulthess, dem Direktor des Supercomputing-Zentrums, vereinfacht die physische Nähe des NASA-Archivs zu dem, was er als die leistungsfähigste Maschine der Welt betrachtet, die Entwicklung komplexer Klimamodelle dramatisch. Die Schweizer machen auch nicht bei den Aufzeichnungen der Raumfahrtbehörde halt. Weitere vierzig Petabyte meteorologischer Daten der US-Behörde NOAA sollen in den kommenden Monaten die Reise über den Atlantik antreten.

Doch unter dem Deckmantel rein wissenschaftlicher Optimierung verbirgt sich eine deutliche politische Besorgnis. Die Übertragung fungiert als massive, staatlich finanzierte Versicherungspolice gegen die wahrgenommene Volatilität der amerikanischen Innenpolitik. Zurbuchen hat explizit das derzeitige Sparumfeld in Washington und die Unsicherheiten rund um die Trump-Administration als persönliche Motivation für das Projekt genannt. Die Befürchtung unter Forschenden ist, dass öffentlich finanzierte Klima-Datensätze plötzlich hinter Bezahlschranken verschwinden oder vollständig von Bundes-Servern gelöscht werden könnten.

Die Klimawissenschaftlerin Katharine Hayhoe betrachtet die Schweizer Initiative als einen entscheidenden öffentlichen Dienst und argumentiert, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft nicht länger davon ausgehen kann, dass US-Regierungsdaten auf unbestimmte Zeit zugänglich bleiben werden. Die Ironie ist natürlich, dass es derzeit keinerlei Beweise dafür gibt, dass die Trump-Administration tatsächlich NASA-Archive gelöscht hat. Das schweizerische Wissenschafts-Establishment hat einfach entschieden, dass Hoffen auf das Beste keine praktikable Strategie ist. Reich an Ressourcen und mit gewaltiger Rechenleistung ausgestattet, lädt die Schweiz still und leise das amerikanische wissenschaftliche Erbe herunter, nur für den Fall der Fälle.

Geschrieben von Freya Stensrud

freya.stensrud@alpineweekly.com