Ein durstiger Riese: Der Bodensee enthüllt eine ernüchternde neue Realität

Wegen trockenem Frühling

A Thirsty Giant: Lake Constance Reveals a Sobering New Reality

Der Anblick ist beunruhigend. Wo die sanften Wellen des Bodensees ans Ufer schlagen sollten, liegen Boote nun unbeholfen auf trockener, rissiger Erde. Im westlichen Teil des Sees ist der Wasserstand auf ein im Juni noch nie dagewesenes Niveau gesunken, was ein deutliches und greifbares Problem für eine Region darstellt, die stolz auf ihre Stabilität ist.

Die Diagnose ist einfach: eine längere Abwesenheit von Regen und eine geringe Winterniederschlagsmenge in den Alpen. Beamte verweisen auf einen besonders trockenen April, der verhinderte, dass sich die Schneedecke in den Bergen ausreichend ansammelte. Der Rhein, der über 60 Prozent des Seewassers liefert, führt nicht genug Wasser, um dies auszugleichen. Hydrologische Daten der Bundesregierung bestätigen die ernüchternde Realität: Der Wasserstand liegt zu dieser Jahreszeit etwa einen Meter unter dem langjährigen Durchschnitt.

Die Anfälligkeit des Bodensees ist ein Produkt seines Naturzustandes. Im Gegensatz zu den meisten anderen großen Seen der Schweiz wird er nicht durch Wehre oder Dämme reguliert. Dieser Mangel an menschlicher Ingenieurskunst, ein Stolzpunkt für Umweltpuristen, bedeutet, dass der See vollständig den Launen des Klimas ausgeliefert ist. Er reagiert auf Dürren und Überschwemmungen mit einer Ehrlichkeit, die moderne Infrastruktur oft verschleiert, im Guten wie im Schlechten.

Die Konsequenzen sind nicht abstrakt. Die Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein hat bereits den Betrieb auf der Strecke zwischen Stein am Rhein und Diessenhofen einstellen müssen. Doch die wirtschaftlichen Störungen sind vielleicht zweitrangig im Vergleich zu den ökologischen Schäden. Die Flachwasserzonen, die als Laich- und Brutgebiete für Fische, Amphibien und Vögel unerlässlich sind, sind ausgetrocknet. Für die jüngsten Bewohner des Sees bedeutet der Rückzug des Wassers den Verlust von Schutz und Nahrungsquellen.

Laut Heinz Ehmann von den Thurgauer Wasserbehörden ist dies keine Anomalie, sondern ein Zeichen für die Zukunft. Steigende Temperaturen werden die Verdunstung erhöhen, während Winterniederschläge häufiger als Regen statt als Schnee fallen, der den See im Frühjahr speisen würde. Es scheint, dass die Natur eine direkte Herausforderung stellt, die nicht durch Komitees oder Richtlinien weggewischt werden kann. Während der große See schrumpft, stellt er den wohlhabenden Nationen an seinen Ufern eine schwierige Frage: Wie passt man sich an, wenn sich die Landschaft selbst zu verändern beginnt?

Geschrieben von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com